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Kinderbildnisse

„Es sind immer Künstler mit unverdorbener Seele gewesen, denen die schönsten und echtesten Darstellungen von Kindern verdankt werden.“
Emil Waldmann

Kinderdarstellungen in der bildenden Kunst haben eine lange Tradition, die bis in die Antike zurückreicht. Sie sind eng mit Kultur- und Sozialgeschichte verknüpft. Die Geschichte der Kinderdarstellungen ist eine dauernde Wechselwirkung zwischen den Zeitgeist tragend und von ihm getragen werdend. Im Werk Fritz Griebels sind an die hundert Kinderbildnisse erhalten. Viele hiervon sind Skizzen. – Sensibel eingefangene Augenblicke im Leben seiner Kinder Annette und Peter.

Annette Griebel, schlafend, 1946, Rötel, 48 x 32 cm
Peter Griebel, schlafend, 1946, Rötel, 28 x 43 cm

Mit feinen Linien zeichnete Fritz Griebel seine Kinder. Sie schlafen, sind der Welt entrückt. Beide Kinder haben ihren Kopf seitlich auf das Kissen gelegt. Eine Puppe liegt neben der Tochter. Die Decke ist verrutscht und gibt den nackten Oberkörper frei. Präzise führte der Vater die Gesichtszüge aus. Der Mund ist leicht geöffnet. Der rechte Arm blieb Fragment. Seitlich, mit angewinkelten Beinen, liegt sein nackter Sohn leicht eingehüllt in einer Decke. Er nuckelt an zwei Fingern, seine Haare sind teilweise zerzaust. Fritz Griebel fing einen Moment äußerster Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit ein. Er ist ein stiller Beobachter, dem es gelang, die Würde und Persönlichkeit seiner Kinder auszudrücken. Direkt blickt man in die Gesichter der Kinder. In ihnen spiegelt sich nicht nur der liebende Blick des Vaters wieder, sondern auch das Kind als Person begriffen. Dies war in der Geschichte der Kindheit und der Kunst lange nicht der Fall.

Pintoricchio, Porträt eines Knaben, um 1500, 35 x 28 cm, Gemäldegalerie Dresden

Bis zum Ende des Mittelalters gab es keinen Begriff für „Kindheit“ als eine eigenständige Lebensphase. Das Wort „Kind“ bezeichnete eher ein Verwandtschaftsverhältnis als eine Altersangabe. Die besonderen Bedürfnisse der Kinder wurden nicht wahrgenommen, man behandelte sie genauso wie Erwachsene. Erziehung und Bildung führten schließlich im 14. Jahrhundert zum Begriff „Kindheit“. Während des 18. Jahrhunderts, als man die ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten kindlicher Entwicklung erkannte, kam es zur eigentlichen „Entdeckung der Kindheit“ (Philippe Ariès).

Wurde das Kind in der bildenden Kunst zu Beginn der künstlerischen Auseinandersetzung nur im Kontext religiöser und allegorischer Darstellungen – als Christuskind, Engel oder Putto – eingesetzt, entwickelte sich seit dem 15. Jahrhundert das reine Kinderbildnis in Italien.

Weit verbreitet waren höfische Kinderbildnisse. Die Künstler porträtierten die Kinder als kleine Erwachsene, eingebunden im höfischen Zeremoniell.

Velázquez, Las Meninas, 1656-57, 318 x 276 cm, Prado, Madrid
Bartolomé Esteban Murillo, Junger Bettler, um 1645, 134 x 100 cm, Louvre, Paris
Jean-Baptiste Siméon Chardin, Das Kartenhaus, um 1735, 81 x 65 cm, National Gallery, Washington (D.C.)

In den niederländischen Genrebildern des 17. Jahrhunderts wird das Kind in Beziehung zu seiner Alltagswelt im familiären oder dörflichen Milieu gezeigt. Eine bedeutsame Rolle spielte das Kinderbildnis auch in der spanischen Genremalerei, wo erstmals die sich selbst überlassenen Straßenkinder parallel zur Etikette des höfisch-repräsentativen Kinderbildes gemalt wurden. Darstellungen kranker und toter Kinder treten allgemein bereits seit dem 16. Jahrhundert auf.

Im intellektuellen 18. Jahrhundert überwiegen Bilder mit erzieherischen Impetus. Die Darstellungen zeugen von Eleganz und Wohlerzogenheit. Pädagogische Studien wie Jean-Jacques Rousseaus (1712-1778) „Emile oder über die Erziehung“ (1762) übten großen Einfluss aus. Die eigentliche Kunst der Erziehung bestehe nach Rousseau darin, dass der Wille des Kindes unbemerkt mit dem des Erziehers übereinstimme. So schreibt er: „Folgt mit Eurem Zögling den umgekehrten Weg. Lasst ihn immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man den Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man sogar seinen Willen.“

Philipp Otto Runge, Die Hülsenbeckschen Kinder, 1805-1810, 131 cm × 141 cm, Hamburger Kunsthalle

Im bürgerlichen 19. Jahrhundert erfuhren Kinder, sofern sie nicht dem Proletariat angehörten, vermehrten Schutz durch Kindergärten, Schulen und medizinischer Betreuung. Kinder wurden nun zu beliebten Modellen. Bevorzugt zeigten die Künstler Kinder beim Spielen in der Natur, Kinder mit Tieren sowie im liebevollen Miteinander mit ihren Eltern und Geschwistern. Angesiedelt zwischen Realität und Idylle, entstanden vornehmlich narrative, gefühlsbetonte Kinderbilder.

Im Zuge der Industrialisierung treten nun auch verstärkt Darstellungen von Kinderarbeit in den Manufakturen auf. Künstler interessierten die soziale Stellung der Kinder, die mit vielschichtiger gesellschaftlicher Problematik behaftet waren. Allgemein wurde die Kinderarbeit, die in härtester Form in England bestand, erst um die Zeit nach 1869 geregelt, zu einem Zeitpunkt, wo sie sich wieder stärker ausbreitete. Charles Dickens‘ (1812-1870) Romane sind für diese Zeit literarische Quellen.

Schließlich waren Künstler des 20. Jahrhunderts an keine Tradition oder Auftrag gebunden. Damit waren sie auch nicht mehr der Ästhetisierung und Idealisierung von Kindern verpflichtet. Auch versehrte, ausgegrenzte oder behinderte Kind galten nun für bildwürdig. Unter dem Eindruck zweier Weltkriege und ihrer Folgen wurde dies zu einem zentralen Anliegen für Künstler wie Paula Modersohn-Becker (1876-1907), Otto Dix (1891-1969), Conrad Felixmüller (1897-1977) oder Käthe Kollwitz (1867-1945). Das Kinderbildnis erfuhr insgesamt betrachtet einen Wandel vom Idealen zum Wahrheitlichen, vom Abbildhaften zum Sinnbildhaften.

Wo das eigene Kind des Künstlers dargestellt wurde, trat eine existentielle Hinterfragung des Kindes in den Schatten. Geborgenheit und Zärtlichkeit kennzeichnen vielmehr diese Werke. Fritz Griebel zeichnete seine Kinder vom Säuglingsalter bis zur späten Kindheit. Liebevoll dokumentierte er ihre Alltagswelt. Er beobachtete sie beim Laufenlernen, Spielen oder beim Malen und Lesen. Seine Zeichnungen sind in der häuslichen Umgebung entstanden, nie in der Natur. Unmittelbarkeit und sensible Beobachtungen sind hierbei kennzeichnend.

Auf eindrückliche Weise zeigt uns Fritz Griebel die enge Symbiose zwischen Mutter und Kind in dieser Tuschzeichnung. Versunken blickt die stillende Mutter auf ihren Säugling hinab. Es ist dieser für uns entzogene Blick, der die intime Zweisamkeit ausdrückt ohne sentimental zu werden. Viele Künstler hielten diese ganz eigene Verbundenheit fest, wie beispielsweise Paula Modersohn-Becker (1876-1907).

Gertrud Griebel mit dem Säugling Peter, 1941, Tusche, 29 x 21 cm
Peter und Annette, um 1944, Rötel, 36 x 48 cm

In diesem Doppelbildnis sehen wir die beiden Kinder des Künstlers an einem Tisch sich gegenübersitzend. Auf dem Tisch befinden sich Tassen und eine Kanne. Vielleicht frühstücken sie oder nehmen eine Teezeit. Hier herrscht eine andere Zweisamkeit – die die geschwisterliche. Mit wenigen Mitteln führt uns Fritz Griebel die sich selbst genügende Welt der Kinder vor Augen.

Annette, um 1945, Rötel, 35 x 26

Das En Face-Porträt seiner Tochter Annette ist ein herausragendes Kinderbildnis. Der Vater und Maler versuchte das Wesen seines Kindes zu ergründen ohne zum Voyeur zu werden. Sanft sind die Linien und Striche. Es gelingt ihm, die persönliche Stimmung des Kindes zum Ausdruck zu bringen. Aber wodurch? Er betont das Individuelle der Physiognomie und der Körperhaltung. Der Blick ist von uns abgewendet. Das Kind schaut leicht nach rechts unten. Ernsthaftigkeit und Melancholie, vielleicht Verträumtheit ist in diesem Blick eingefangen. Die Schultern sind leicht angespannt. – Eine Abwehrhaltung? Sowohl im „Porträt eines Knaben“ von Pinturicchio und dem hier beschriebenen Porträt bewahrten die Künstler die stille Welt des Kindes. Fritz Griebels Kinderbildnisse veranschaulichen auf sensibelster Weise den Kosmos der Kindheit mit allen seinen Facetten.