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Orpheus

Enstehungsjahr: ca. 1937
Material: Öl/Leinwand
Maße: 62 x 134 cm

Das hier vorzustellende Werk nimmt im Oeuvre Fritz Griebels eine Sonderstellung ein. Singulär ist sein Querformat und der über die Darstellung geschriebene Satz in roten Großbuchstaben: „Ein für alle Male ists Orpheus wenn es singt“. Das Zitat ist der „Sonette an Orpheus“ (1922) von Rainer Maria Rilke (1875-1926) entnommen.

Orpheus ist ein berühmter Sänger und Dichter der griechischen Mythologie. Als Sohn der Muse Kalliope und Sohnes des thrakischen Königs und Flussgottes Oigros (nach anderen Überlieferungen ist Apollon sein Vater) lebte er in Thrakien. Sein Gesang und seine Musik auf der Lyra, der antiken Leier, betörte nicht nur Götter und Menschen, sondern auch Tiere, Pflanzen, Felsen und das Meer. Als seine Ehefrau, die Nymphe Eurydike, während der Flucht vor Aristaios, der sie versucht hatte zu vergewaltigen, an den Folgen eines Schlangenbisses starb, folgte ihr Orpheus ins Totenreich. Und auch dort rührte sein Gesang und Lyra-Spiel die Götter Hades und Persephone. Sie gaben Orpheus‘ Flehen nach und versprachen ihm seine Frau zurück. Er sollte beim Aufstieg in die Oberwelt vorangehen und sich unter keinen Umständen nach ihr umschauen. Da er jedoch ihre Schritte nicht hörte, drehte er sich zu ihr um, und Eurydike verschwand für immer in der Unterwelt.

Orpheus mit Lyra, umgeben von Tieren. Byzantinisches und Christliches Museum, Athen

Besonders diese geschilderte Episode innerhalb des Orpheus-Mythos fand als Sujet Eingang in die bildende Kunst. Griebels Darstellung ist in der europäischen Malerei jedoch ohne Vorbild. Er malte kein profanes, mythologisches Historienbild, sondern ein Stillleben aus antiker Kleinplastik und Früchten. Orpheus ist ein Glockenidol und kein antiker Held. Einzig die in den Händen haltende Lyra identifiziert die Figur als Orpheus. Auch die rote Figur mit nach oben gestreckten Armen und die orangefarbene mit eng an den Körper liegenden Armen sind als weibliche Idole zu identifizieren.

Idole (Götzenbilder) waren im Altertum meist kleine Ton- oder Holzfiguren. Sie waren Gegenstand häuslicher göttlicher Verehrung in Form von persönlichen Göttern, Familiengöttern oder Hausgöttern und waren bereits in der Jungsteinzeit, besonders aber in der Bronzezeit im gesamten Mittelmeerraum, im Nahen Osten und auf dem europäischen Festland verbreitet. Je nach Kultur können sie charakteristische Formen annehmen. Gefunden wurden Idole zwischen Hausgrundrissen, in Grabanlagen oder in Heiligtümern.

Glockenidol, griechisch, ca. 700 v. Chr.
Idol vom zentralen „Spedostyp“, 89 cm, Badisches Landesmuseum, Karlsruhe. Foto: Smial

Betrachten wir das Bilder weiter, so fällt die Figur in der Mitte auf. Ihr Körper ist nach links geneigt, ihre Füße berühren nicht mehr den Boden. Sie schwebt. Es ist Eurydike, die im Totenreich ein zweites Mal stirbt. Flankiert werden die antiken Kleinplastiken von stilisierten Saiteninstrumenten. Am linken Bildrand wächst aus dem Instrumentenkörper sogar ein langer Hals mit Kopf vergleichbar der Anatomie des Glockenidols. Die Figuren sind wie in einem Fries angeordnet. Die betont vertikale Ausrichtung wird durch den blauen Streifen, roten Früchten an grünem Stiel und den kleinen Pferden gemildert. Die Farbpalette ist – wie so häufig bei Fritz Griebel – auf wenige Töne beschränkt.

Kennzeichnend für ein Stillleben ist die Darstellung einzelner Gegenstände oder Gegenstandsarrangements, die kunstvoll komponiert werden. Wie gelingt es Griebel dennoch, Lebendigkeit in die toten Dinge zu legen? Betrachten wir uns hierzu das Bild des Klassizisten Heinrich Friedrich Füger (1751-1818). Füger wählte den dramatischen Moment des Mythos: Orpheus blickt sich um, kurz bevor er und Eurydike die Oberwelt erreichen sollten. Sofort wird sie von den Göttern der Unterwelt zurückgehalten. Alles Flehen hilft nicht. Füger malte die Unterwelt als Höhle. Dramatisch leuchtete er die Szene, besonders den thrakischen Sänger und Dichter, aus.

Heinrich Friedrich Füger: Orpheus und Eurydike in der Unterwelt, 19. Jh.

Auch Fritz Griebel wählte den dramatischen Wendepunkt des Mythos. Eurydike stirbt ein zweites Mal. Orpheus wird sie nun für immer verlieren. Die Dramatik des Moments ist bei Griebel im Gegensatz zu Füger subtil dargestellt: keine effektvolle Lichtregie, keine Gestiken und Mimiken – kurz keine Emotionen. Eurydikes Körpers befindet sich in einen Zustand des Schwebens. Ihre Seele, der dunkelrote Schlagschatten, löst sich und wird fortan im Hades umherwandeln. Die Form der kleinen, männlichen Figur zwischen Orpheus und Eurydike erinnert an das uralte Kreuzsymbol Swatika („Glücksbringer“). In der Antike war es ein Symbol für Sonne, die sich auch über dem Köpfchen der Figur befindet. Deutet man den blauen horizontalen Streifen als Oberwelt, so unterstreicht es die Brisanz der Darstellung, denn die Welt der Lebenden wird Orpheus nur allein erreichen.

Die mythologische Gestalt wurde seit Jahrhunderten verschieden gedeutet und interpretiert, in denen sich jeweils die Zeitgeschichte spiegelt. Bezogen auf das Bild Griebels ist eine psychoanalytische Interpretation nach Jacques Lacan (1901-1981) und Carl Gustav Jung (1875-1961) vorzuziehen. Mythos wird hier als vorwissenschaftlicher, unbewusster Ausdruck des menschlichen Seins und seiner unaufhebbaren Zwänge gedeutet. Orpheus sucht in Eurydike seine eigene Vollendung, sein ewiges Glück oder das, was ihm hierzu noch fehlt. Als er sich aber entgegen dem gnädigen Gebot des Totengottes umwendet, um die dem Totenreich entrissene Frau zu sehen, sieht er – nicht ewiges Glück, sondern seine weiterhin sterbliche Frau. So entschwindet sie, oder vielmehr das, wofür er sie hielt, nun für immer und lässt ihn in der Zerreißung, der Unmöglichkeit, zu einem vollendeten, ganzen, heilen Glück zu gelangen, zurück.

Fritz Griebel drückt die Bindung der beiden auch durch horizontale, rote Streifen auf den Körpern aus. Und auch Orpheus, der durch seine Zaubermacht die unbelebte Natur (Felsen, Meer) rühren konnte und fast den Tod besiegt hätte, wird sterben, denn auch er hat einen roten Schlagschatten hinter sich.

 

Literatur:
Orpheus in den Künsten. Ausst.-Kat. Universitätsbibliothek Eichstädt-Ingolstadt, hg. v. Klaus Walter Littger. Wiesbaden 2002.
Mythos Orpheus. Texte von Vergil bis Ingeborg Bachmann, hg. v. Wolfgang Storch. Stuttgart 2010.