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Hahnenfuß

Enstehungsjahr: 4. Juni 1920
Material: Aquarell
Maße: 34 x 33 cm

Ein sachlich forschender Blick muss diesem Werk vorausgegangen sein. Fritz Griebel war 21 Jahre jung, als er dieses Porträt eines Hahnenfußes gemalt hatte. Und der junge Kunststudent muss sehr stolz auf seine Leistung gewesen, denn er signierte das Bild mit zarter Schreibschrift in Bleistift »Fritz Griebel 4. Juni 1920«. Man kann sich gut vorstellen, wie der junge Maler bei einem Spaziergang den giftigen Hahnenfuß pflückte und als Studiumsobjekt mit nach Hause nahm.

Griebel begann 1917 sein Studium der Buchkunst und Graphik an der Kunstgewerbeschule in Nürnberg, der späteren Akademie der Bildenden Künste. Seit 1910 hatte dort Rudolf Schiestl (1878–1931) eine Professur für Buchkunst und Graphik inne. Schiestl gehörte zu den einflussreichsten Künstlern in Nürnberg während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach einer Bildschnitzereilehre bei seinem Vater, studierte er Malerei und Graphik an der Münchner Akademie u. a. bei Franz von Stuck (1863–1928). Durch seinen Vater, der Bildhauer war, kam er schon früh mit mittelalterlicher Plastik in Berührung und fertigte Zeichnungen nach Werken von Dürer, Schongauer und Schwind an. Die Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg war seine produktivste Zeit: Er radierte mehrere große Blätter, wie das »Bergfest Walberla« (1919), er begann seine Hinterglasbilder zu malen und fertigte 1920 seinen ersten Holzschnitt, »Maria in der Wiese«, an. Schiestls bäuerliche Motive und volkstümliche Landschaften in einfacher Formensprache und gedeckter Palette stehen in der Münchner Tradition, allerdings abgewandelt im Sinne des neuen Heimatschutzstils. Schiestl blieb völlig unberührt von der klassischen Moderne, ein Umstand, der symptomatisch für die ganze Nürnberger Kunstszene war und noch länger bleiben sollte.

Rudolf Schiestl: Der Deutsche Spielmann, Nr. 36. Aus: Menschenherzen. Ein Buch von der Liebe, was sie edlen Dichtern war und reinen Menschen sein kann. Bildschmuck von Rudolf Schiestl (Der deutsche Spielmann. Eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk) 2., veränd. Aufl. München 1925.

Skizzen nach unterfränkischen Dörfern, die Schiestl auf Ausflügen anfertigte, waren für seine künstlerische Entwicklung wichtig. Und so dürfen wir annehmen, dass er diese Erfahrung auch mit seinen Schülern teilte. Fritz Griebel sollte immer wieder seine Umgebung – sei es Franken oder Italien –, durchstreifen, immer auf der Suche nach einem Motiv. In diesem Frühwerk Griebels ist jedoch ein weiterer Einfluss erkennbar, der auch für Schiestls Kunstauffassung nicht zu leugnen ist: Die Kunst Albrecht Dürers (1471–1528). Das Studium der Natur hat in Nürnberg eine lange Tradition. »Das Leben in der Natur gibt die Wahrheit in allen Erscheinungen zu erkennen. Darum sieh sie fleißig an, richte dich danach und geh nicht ab von der Natur. […] Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie«, äußerte Dürer.

Wer die Kunst aus der Schönheit der Natur »herausreißen«, d. h. zeichnen kann, der ist der wahre Künstler. Nahezu fotorealistisch malte Fritz Griebel die Pflanze. Präzise gibt er die Farbschattierungen der Stile und Blätter von hellgrün, dunkelgrün bis fast schwarz, wieder. Leuchtend gelb stechen die Blüten hervor, zartgrün sind Knospen. Durch die Isolierung der Pflanze aus ihrem natürlichen Kontext, widmet Griebel ihr seine ganze Aufmerksamkeit. Der Blick des Künstlers und der eines Botanikers durchdringen sich. Besonders in den frühen Aquarellen, die häufig Blumenstillleben zeigen, war die Natur die große Lehrmeisterin Griebels. Sie wird bestimmend bleiben für sein Oeuvre, auch wenn sie nie mehr die feinmalerische und realistische Auffassung, wie in diesen bezaubernden Blumenporträts, haben wird (vgl. "Feuerlilien im Glas").

Rittersporn mit Bartnelken, 1921, 35 x 39 cm
Wiesenblumenstrauß im Krug, 17.Juli 1920, 50 x 40 cm

Literatur

Andrea M. Kluxen: Die Geschichte der Kunstakademie in Nürnberg 1662-1998. In: Jahrbuch für fränkische Landesforschung 59 (1999), 167-207, bes. S. 190.

Fritz Griebel. Scherenschnitte 1920 – 1965. Ausgewählt und eingeleitet von Karl Heinz Schreyl. Hg. von den Stadtgeschichtlichen Museen Nürnberg. Nürnberg 1980, S. 28.

Erwin Panofsky: Das Leben und die Kunst Albrecht Dürers. Hamburg 1977, S. 317.