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Die Eltern des Künstlers

Enstehungsjahr: beide 1933
Material: Öl/Leinwand
Maße: 80 x 65 cm

Neben Kinderporträts zählen Porträts der Eltern eines Künstlers zum häufigsten Motiv. Die Gründe sind oft rein praktisch, sind doch die Modelle in unmittelbarer Umgebung des Künstlers und das Wesen der Persönlichkeit seit Jahren bekannt; zudem braucht man Familienmitglieder nicht unbedingt für das Modellsitzen zu bezahlen. Fritz Griebel hatte ein bestimmtes Talent in der Porträtmalerei entwickelt, das ihm viele private Aufträge einbrachte. Beispiele seines Könnens ist das Porträt seines Künstler-Kollegens Gustav Seitz und des Pfarrers August Zorn.

1933 malte Griebel seine Eltern als separate Porträts. Aufgrund der egalen Leinwandgröße und Ausführung der Hintergründe können sie als weltliches Diptychon, ein zweiteiliges Gemälde, betrachtet werden. Der in Schweinfurt geborene Vater des Künstlers, Georg Peter Griebel (5.8.1861–19.12.1937), entstammte einer gläubigen Familie. Sein Vater war zunächst Schneidermeister, nahm aber später eine Stelle als Mesner an und ließ seinen Sohn Georg evangelische Theologie studieren. Seine erste Pfarrstelle hatte Georg Peter Griebel dann in Unfinden, wo sein Sohn Fritz Griebel (sein vollständiger Vorname lautet Peter Christoph Friedrich) 1899 am 21.9. zur Welt kam. Noch im gleichen Jahr zog die Familie nach Heroldsberg.

Fritz Griebel porträtierte seinen Vater en face (Frontalansicht) und als Halbfigur auf einen Stuhl sitzend. Er trägt einen dunklen Anzug, das Jackett ist zugeknöpft; am Hals und am Arm blitzt ein weißes Hemd hervor. Die Hände liegen wie zu einem Gebet gefaltet auf dem Schoß. Der Kopf ist fast kahlköpfig. Der Blick ist vom Betrachter abgewandt. Der schmallippige Mund scheint fest verschlossen. Der Hintergrund ist schmucklos, eine grau-beigefarbene Fläche.

Von seiten der Familie seiner Mutter Luise Griebel, geb. Rihm (29.11.1865–31.12.1936) stammt wahrscheinlich das künstlerische Talent Fritz Griebels. Denn zum einen war ihr Neffe Alex Rihm Maler und Scherenschneider und zum anderen war auch Fritz Griebels älterer Bruder Paul (1897–1918), der als Soldat in England an den Folgen seiner Kriegsverletzungen aus dem Ersten Weltkrieg verstarb, künstlerisch begabt. Die beiden Brüder malten seit frühester Jugend in einer Art Miniaturmalerei nach Dürer.

Auch seine Mutter porträtierte Griebel als sitzende Halbfigur. Sie trägt ein schlichtes dunkelblaues Kostüm und eine graue Bluse, die am Kragen eine hellblaue dünne Schleife aufweist. Jacke und Ärmel sind mit einer schwarzen Bordüre abgesetzt. Die Arme sind leicht angewinkelt, wobei der linke locker auf dem Schoß liegt. Am Ringfinger ist der Ehering zu erkennen. Der Kopf ist leicht nach links geneigt, so dass er im Halbprofil wiedergegeben ist. Die dunklen, leicht ergrauten Haare wurden zu einem Mittelscheitel frisiert und zu einem Haarknoten gebunden. Auch hier geht der Blick in die Ferne.

Albrecht Dürer: Bildnis der Mutter, 1514, Kohlezeichnung, 421 x 303 mm, Kupferstichkabinett Berlin.

Griebels Bildnis seiner Mutter, die er im Alter von 68 Jahren malte, hat große Ähnlichkeit mit Dürers Porträt seiner Mutter. Die Porträtzeichnung, die wohl die bekannteste und auch als bedeutendste Zeichnung angesehen wird, zeigt seine erblindete Mutter Barbara im Alter von 63 Jahren als Bruststück und im Halbprofil.

Sie trägt ein Tuch über dem Kopf, das etwas nach hinten gerutscht ist, sodass wir das zu einem Mittelscheitel frisierte Haar noch erkennen können. Das Skelett zeichnet sich deutlich unter der Haut ab. Das Gesicht wirkt ausgemergelt. Dürer schrieb in seinem Gedenkbuch: »Meine fromme Mutter hat 18 Kinder getragen und erzogen, hat oft Seuchen gehabt, viele andere schwere Krankheiten, hat große Armut gelitten, Verachtung, höhnische Worte, Schrecken und große Widerwärtigkeit.« Hierüber wird meist übersehen, dass Barbara Dürer ihre schmalen Lippen zu einem zaghaften Lächeln formt, das wir auch bei Luise Griebel wieder finden.

Otto Dix: Die Eltern des Künstlers II, 1924, Öl/Lwd., 118 x 130,5 cm, Sprengel Museum, Hannover, © VG Bild-Kunst, Bonn 2008.

Griebel malte seine Eltern primär als Repräsentanten eines gehobenen Bürgertums. Die Bildnisse sind gemäß der protestantischen Ethik karg gehalten. Die Eltern sind pietätvoll und distanziert dargestellt im Stil des späten 19. Jahrhunderts. Ganz anders interpretierte Otto Dix (1891–1969) seine Eltern. Sie sitzen auf dem Rand eines abgenutzten Sofas. Seine Eltern sind als Vertreter des Proletariats dargestellt. Sie sind alt und abgearbeitet, was sich nicht nur in den faltigen Gesichtern, sondern auch in den übergroßen Händen offenbart. Dix malte das Doppelporträt im Stil der Neuen Sachlichkeit, mit dem oft sozialkritische Themen dargestellt wurden. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 endete diese Kunstströmung. Griebels Diptychon dient keiner sozialkritischen Befragung. Es zeigt auf ferne und nahe Weise die Charaktere der Eltern. Ihre Mimiken sind ernst und würdevoll. Die dunkle Kleidung wirkt fast wie ein Käfig. Doch das sanfte Lächeln der Mutter bricht aus dieser Strenge heraus.

 

Literatur:

Birgit Rauschert: Hommage für Fritz Griebel – seine Scherenschnitte bezaubern bis heute. In: Frankenland. Zeitschrift für Fränkische Landeskunde und Kulturpflege, Heft 2, Jg. 59 (2007), S. 119–128.
Franz Winzinger: Albrecht Dürer in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hamburg 1986.