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Komposition aus Zeichen und Formen

Enstehungsjahr: 1960er
Material: Öl/Leinwand
Maße: 91,5 x 132 cm

Spätestens seit den 1960er-Jahren experimentierte Fritz Griebel wieder mit abstrakten Kompositionen. Besonders in der Aquarell- und Kreidemalerei entstanden ganze Serien von abstrakten Darstellungen. Griebel reduzierte seine Formen auf geometrische wie Dreieck oder Kreis (ein weiteres Beispiel hier).

Dieses vorzustellende Werk gehört mit zu Griebels besten Leistungen auf dem Gebiet abstrahierender Darstellungen. Auf einem in vertikalen, sich abwechselnden ockerfarbenen und schwarzen Farbflächen gegliederten Hintergrund sind blassrosafarbene Figurinen horizontal in zwei Reihen angeordnet; rechts sehen wir eine dunkelrote Figurine, welche fast die Größe der Bildhöhe einnimmt.

Über den Figurinen sind Halbkreise, Quadrate und ein Dreieck gelegt. Die Halbkreise sind im Komplementärtkontrast Rot-Grün gemalt, während die quadratähnlichen Formen orangefarben und ockerfarben und das Dreieck blau gemalt sind. Die geometrischen Formen sind teilweise weiß oder braun gerahmt; am rechten Bildrand ist ein Halbkreis lediglich als weiße Halbbogenlinie angedeutet.

Im linken oberen Bildrand sind diverse kleine Rechtecke zu entdecken, die sich zu kreuzähnlichen Formen zusammenschließen können. Ein hellblaues dickes, im Zickzack verlaufendes Band beginnt seinen Verlauf links oben im Bild und setzt ihn in der Bildmitte fort. Er gliedert die Bildfläche in zwei Zonen.

Stilistisch orientierte sich Griebel am synthetischen Kubismus (1912–1914), entwickelt von Picasso (1881–1973) und Braque (1882–1963). Während im analytischen Kubismus die Gegenstände in verschiedenen Sichtweisen zerstückelt gemalt werden und hierdurch die verschiedenen Perspektiven der Dinge simultan erscheinen, dominieren im synthetischen Kubismus streng umrissene Farbflächen, deren Überschichtungen Gegenstandsabbildungen erzeugen. An die Stelle der Zerlegung des Ganzen ins Einzelne (Analyse) tritt nun die Zusammenfassung des Einzelnen zum Ganzen (Synthese). Auch die Buntfarbigkeit tritt in die Bilder zurück.

Juan Gris: Stilleben mit Pfeife und Zeitung (Fantômas), 1915, Öl/Lwd., 60 x 72 cm, Washington, National Gallery of Art, Chester Dale Fund

Griebel entwickelte den synthetischen Kubismus weiter, indem er Hintergründe in Farbflächen aufspaltete und über die Bildobjekte geometrische Farbflächen schichtete. Sie evozieren eine Facettierung und Synthese der Gegenstände gleichzeitig. Die weiße Umrisslinie der Halbkreise betont die Flächigkeit des Bildes. Bei Juan Gris (1887–1927) bestimmen sich Formen teilweise nur aus weißen Umrisslininen. So führen sie die Kontur der Zeitung (»Le Journal«) auf der Tischplatte einfach fort oder erzeugen einen perspektivischen Tisch.

Thematisch setzt Griebel seine seit der Mitte der 1920er-Jahre begonnene Hinwendung zur antiken Plastik und Kunsthandwerk weiter fort. Seine im Scherenschnitt entwickelte Bildsprache überführte er auch in andere Medien. Besonders Idole aller Art faszinierten ihn. Als Idole werden heute in der Archäologie abstrakte menschenähnliche, überwiegend kleine Figuren bezeichnet, die man nicht näher benennen kann. Sie können aus Stein, Bronze, Elfenbein, Ton oder Holz geformt sein und waren für den Kult oder auch als Weih- oder Grabbeigaben bestimmt. Sie sind besonders eng mit den Anfängen der Kunst und den frühen Perioden ihrer Entwicklung verbunden. So verschieden wie ihre Formen bei den einzelnen Völkern des Altertums waren, so schwierig und widersprüchlich ist auch ihre Deutung: Wurden ihnen magische Kräfte zugeschrieben, hatten sie Schutzfunktionen?

Fritz Griebel: Komposition aus Tieren und Figuren, 1950–1960, Scherenschnitt, 53 x 40 cm
Idol vom zentralen »Spedostyp«, 89 cm, Badisches Landesmuseum, Karlsruhe. Foto: Smial/Wikimedia
Mykenisches Idol (Gipsabguss), 3100–1100 v. Chr., Archäologisches Institut der Universität Göttingen (Inv.-Nr.: A 1688 a)

Griebels verstärkte Auseinandersetzung mit antiker Kleinplastik ab den 1950er-Jahren korrespondiert mit Themen in der deutschen Nachkriegskunst. Es ging um nichts weniger als um die Wiederherstellung bzw. Erhaltung eines maßvollen Menschenbildes nach den entleerten und aufgeblähten Heroen des Nationalsozialismus. Antiker Mythos und neuer Humanismus waren die Schlagworte.

Willi Baumeister (1889–1955) äußerte in seinem Buch »Das Unbekannte in der Kunst« (1947), dass ein künstlerischer Neuanfang nur durch Rückerinnerung an vorvergangene, ursprüngliche, außereuropäische Kulturen gelingen könne; die Berufung auf gesicherte europäische Werte sei durch nationalsozialistischen Antikenmissbrauch entwertet. Nicht griechisch-klassische Schönheitsnormen, sondern das wiederausgegrabene Unbekannte, das Ursprüngliche und Fremde sei Träger des Künftigen.

Baumeister hatte eine sehr große Sammlung über alte und außereuropäische Kulturen angelegt, die ihm als Inspirationsquelle diente. Er zeigte großes Interesse an kykladischen Idolen, die für ihn der wahrscheinlich stärkste Anreiz zum eigenen Tun und Schaffen gewesen seien.

Fritz Griebel setzte sich zeit seines Lebens mit antikem Formmaterial auseinander. Es war ihm Anlass zu vielfältigen Formerfindungen. Seine surreale Phase in den 1930er-Jahren wurde durch die politischen Umstände in Deutschland jäh unterbrochen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, Griebel wurde zwischenzeitlich zum Direktor der Nürnberger Kunstakademie der Bildenden Künste berufen, entwickelte er unter dem Einfluss der internationalen Abstraktion seine Bilderwelt weiter, doch hielt er meist an der Figur fest. Mit diesem Bild entwirft Fritz Griebel eine archetypische Chiffrierung des Sichtbaren. Vor- und anthropomorphe Formen künden von einem Menschenbild, in dem Natur, Kultur, Mythos und Geschichte noch (oder wieder?) zusammengehen. Zeichen und Formen balancieren zwischen Bewegung und Statik bei einem harmonischen Farbklang. Es ist ein fröhliches und hoffnungsvolles Bild, das beispiellos ist.

 

Literatur:

Willi Baumeister: Das Unbekannte in der Kunst. Köln 1960.

Klaus Herding: Humanismus und Primitivismus. Probleme früher Nachkriegskunst in Deutschland. In: Jahrbuch des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, Bd. IV (1988), S. 281–311.

Max Kunze (Hg.): Götzen, Götter und Idole – Frühe Menschenbilder aus 10 Jahrtausenden. Ausst.-Kat. Winckelmann-Gesellschaft. Ruhpolding und Mainz 2010.