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Weiblicher Rückenakt

Enstehungsjahr: 1957
Material: Aquarell
Maße: 45 x 57 cm

Die Darstellung des nackten Körpers übte auf Fritz Griebel stets eine Anziehungskraft aus. In allen Medien, die er beherrschte, setzte er sich mit dem Akt auseinander: Ölmalerei, Zeichnung, Aquarell und Scherenschnitt. Häufig versetzte er seine Figurenprogramme in die Natur oder kombinierte sie mit Stillleben.

In diesem Werk des Monats sehen wir einen Rückenakt einer einzelnen Frau in einem nicht näher definierten Raum. Der rechte Arm stützt sich auf den Boden ab, der ein Bett sein könnte. Der linke Arm ruht auf dem angedeuteten Oberschenkel; die Beine sind angewinkelt, so dass nur die Fußsohlen und Teile der Unterschenkel sichtbar sind. Der Kopf ist leicht nach links geneigt. Die kurzen fast schwarzen Haare der Frau geben den Blick frei auf den Rücken.

Er ist eine einzige Symphonie aus Farben. Keine Konturen grenzen ihn ab. Er ist nur aus Farben modelliert. Ein grüner dickerer Pinselstrich setzt an den Schultern an, macht eine harsche Beugung, um dann geradlinig nach unten zu verlaufen und in eine leichte Krümmung nach links überzugehen und schließlich in einem Schlenker nach rechts auszulaufen. Ein parallel zur unteren Krümmung verlaufender kurzer grüner Pinselstrich bildet ein Dreieck, welches zum Gesäß führt. Der gesamte grüne Pinselstrich verläuft entlang der Wirbelsäule, welche den Rücken stützt und in zwei Hälften separiert. So sehen wir im oberen Rücken einen zweiten, parallel zum ersten verlaufenden grünen Pinselstrich. Er ist nicht konstant gezogen, sondern bricht ab und wird wieder ein Stück fortgesetzt.

Schauen wir uns das Farbenspiel des Rückens näher an, so bemerken wir, dass es sich aus gelben, rosa und weißen – ausgesparten Flächen – zusammensetzt. Diese weißen Flächen sind äußerst raffiniert auf der gesamten Bildfläche verteilt. Sie tragen wesentlich zur Farbmodulation bei. Sie verleihen Körperlichkeit durch den Kontrast zu den Farben. Besonders deutlich wird dies beim Gesäß und den darin übergehenden Oberschenkeln.

Interessant ist das Farbenspiel des rechten Armes: Rot, Orange, Grün, Blau und Weiß sind nebeneinander gesetzt und ineinander verlaufen. Die Hand wie auch die Füße sind mit raschen Pinselstrichen nur angedeutet. Ein fast schwarzer Strich markiert die Rückenlinie und grenzt den Arm scharf ab; ähnliches lässt sich auf der anderen Körperseite entdecken: Hier ist es ein dunkelgrüner dünner Pinselstrich.

Fritz Griebel: Männlicher Akt mit Apfel-Stillleben,1930er-Jahre, Öl/Lwd., 17,5 x 22 cm

Das Farbenspiel konstituiert zum einen den Körper und zum anderen ist es eine Spiegelung der Umwelt. Das bedeutet: Der Köper baut sich aus Farben auf und gleichzeitig sind die Farben nichts anderes als Lichtreflexe. Am sich abstützenden Arm wird dies besonders augenfällig, denn dort wiederholt das Farbenspiel dasjenige des Hintergrundes.

Die grünen Pinselstriche, welche so markant den Rücken strukturieren, sind nichts anderes als Schatten. Bereits in seinen Frühwerken setzte Griebel den grünen Schatten ein. So wie die Impressionisten verzichtete Griebel auf die Farbe Schwarz; auch in seinem Gesamtoeuvre verwendete er sie sehr selten. Er malte den seitlich auf einem Bett liegenden männlichen Akt »alla prima«, d.h. er verzichtete auf eine Untermalung und Lasur. Auch hier setzte er unbemalte Flächen als kompositorisches Mittel ein.

Jean-Auguste-Dominique Ingres: Die große Odaliske, 1814, Öl/Lwd., 91 x 162 cm, Louvre, Paris

Vergleichen wir den weiblichen Rückenakt mit dem Bild »Die große Odaliske« von Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780–1867) wird ersichtlich, das die zeichnerischen Mittel zugunsten der Farbe in den Hintergrund treten. Der Klassizist Ingres hingegen betonte bei seiner Haremsdame die Kontur. Die Haut ist makellos. Der Körper betört durch seine widernatürlichen, fließenden Linien. Im Gegensatz zum »Weiblichen Rückenakt« Griebels nimmt Ingres‘ »Odaliske« mit uns Blickkontakt auf. Der Franzose malte eine übersteigerte Sinnlichkeit – eine nächtliche Phantasie des monogamen Westen. Griebel hielt stattdessen einen weiblichen Körper fest, ohne ihn zu sexualisieren. Ihm ging es primär darum, die Farbe zum Gestaltungsmittel zu erheben.

Antje Buchwald