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Ellinger Landschaft


Enstehungsjahr: 1948–1951
Material: Öl/Leinwand
Maße: 70 x 110
Galerie Jacobsa, Nürnberg

Dieses impressionistisch gemalte Bild zeigt die Landschaft der mittelfränkischen Stadt Ellingen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Das im Querformat angelegte Gemälde wird bestimmt durch einen Komplementärkontrast von Rot und Grün. Über eine hügelige Landschaft im satten Sommergrün erhebt sich die katholische Stadtpfarrkirche, die St.-Georgs-Kirche. Die Barockkirche wurde im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört und wieder aufgebaut.

Im Vordergrund sehen wir einen Weg, der von Bäumen gesäumt wird. Einige Frauen und Kinder suchen Schutz vor der Sonne unter einem Baum. Die Krone der Bäume, teilweise die Wiesen und den Himmel malte Griebel impressionistisch, indem er verschiedene Farbwerte kommaartig (virgulisme) nebeneinander setzte. Erst in der Entfernung mischen sie sich im Auge des Betrachters und erzielen eine intensive Farbigkeit.

Die Bildtiefe erzeugte Griebel – ganz dem Impressionismus folgend – durch Größenstaffelung: Über den kleinen Staffagefiguren erhebt sich die Stadt Ellingen.

Ansicht der Stadt Ellingen von Süden, in der Mitte die St.-Georgs-Kirche, 29.6.2011. Foto: Mef.ellingen.


Das Bild ist Zeugnis aus Fritz Griebels früher Lehrzeit an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg in Schloss Ellingen ausgelagert wurde. Nürnberg gehört neben Dresden zu der am stärksten zerstörten deutschen Stadt im Zweiten Weltkrieg. Die Eroberung Nürnbergs am 20. April 1945 wird in amerikanischen Truppengeschichten als »The Battle of Nuremberg« bezeichnet und gilt als wichtiger Sieg, denn Nürnberg als »Stadt der Reichsparteitage« galt als Ausgangspunkt der Judenverfolgung.

1662 von Jacob von Sandrart (1630-1708) nach italienischem Vorbild gegründet, zählt die Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg zu den ältesten Kunstschulen im deutschsprachigen Raum. Wesentliche Impulse erhielt die Akademie von ihrem Leiter, dem Maler und Kunsthistoriker Joachim von Sandrart (1608-1688) in den 70er Jahren des 17. Jahrhunderts. Zentrale Lehrbereiche bilden die freien und angewandten Künste, wobei im Lauf der Jahrhunderte die Gewichtung wechselte: 1833 degradierte König Ludwig I. von Bayern (1786-1868) die Akademie zur Kunstgewerbeschule, um München als Kunststadt zu fördern. 1940 wurde die »Staatsschule für angewandte Kunst« wieder zur Akademie erhoben.

Die amerikanische Militärregierung genehmigte die Wiedereröffnung der Akademie am 26. Januar 1946. Die Schlossräume befanden sich in einem desolaten Zustand; Einrichtungsgegenstände der Lehrsäle, Ateliers und Werkstätten waren zum größten Teil nicht mehr vorhanden oder schwer beschädigt.

Trotz allem wurde im April die Wiedereröffnung der Akademie bekannt gegeben. Die Einschreibung erfolgte am 6. Mai. 73 Studenten kamen durch die Aufnahmeprüfungen. Oberstes Ziel war es, neue Lehrer zu gewinnen. So wurde z.B. am 1. Juli 1946 Fritz Griebel als Lehrer für Landschaftsmalerei und freie Grafik angestellt.

Unter großen Schwierigkeiten wurde der Lehrbetrieb wieder aufgenommen. Das Inventar, wie Staffeleien, Tische oder Schränke, fehlte und zu kaufen gab es kaum etwas. Neben dem Fehlen am Materiellem kamen noch die kaum verarbeiteten Eindrücke des Krieges hinzu. Besonders Fritz Griebel und Hermann Wilhelm versuchten durch abendliche Gespräche und Vorträge über bildende Kunst im Wintersemester 1946/47 die Studierenden in ihren künstlerischen Bestrebungen anzuregen.

So äußerte Fritz Griebel im November 1947: »Wir sehen es deshalb nicht nur als wichtig, sondern als eine unserer dringendsten Pflichten an, geistiges und schöpferisches Leben an allen Orten zu pflegen, wo es nur irgend möglich ist. Auf dem Gebiet der bildenden Kunst ist alle Tradition erschüttert oder gar verpönt; und es ist deshalb gerade für die Jugend besonders schwer, einen Weg aus der allgemeinen Verwirrungen zu finden. [...] Als Endziel darüber hinausgehend schweben uns die Erziehung zum ganzen Menschen, zur Humanität vor.« (BayHSta, Mk 51448)

Fritz Griebels farbintensives Landschaftsbild zeigt nicht nur seinen souveränen Umgang und Weiterentwicklung impressionistischer Stilmittel, sondern es vermittelt auch das Gefühl eines hoffnungsvollen Neubeginns.

 

Literatur

Karl Kunze: Kriegsende in Franken und der Kampf um Nürnberg im April 1945 (= Nürnberger Forschungen 28). Nürnberg 1995.
Wilhelm Schwemmer: Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, hrsg. von der Gesellschaft der Freunde der Akademie der Bildenden Künste. Nürnberg 1983.
Tätigkeitsbericht von Juni 1948 bis Ostern 1952 (Archiv der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg).

 

Antje Buchwald 2013