Sie befinden sich hier: Werk / Grafiken / Sarkophag

Sarkophag

Entstehungsjahr:1932
Material: Tuschzeichnung, Pastelkreide

Ein Frauenakt lagert auf einem in Falten geworfenen Tuch. Der Oberkörper ist angehoben und wird vom linken Arm abgestützt. Der rechte Arm ist angewinkelt und hinter dem Kopf gelegt. Das Gesicht ist im Dreiviertelprofil gezeichnet, die Beine langgestreckt.

Fritz Griebel hat den Akt äußerst sinnlich gezeichnet. Er betont bzw. überbetont die weiblichen Rundungen wie Po, Hüfte und Schenkel. Lasziv wirkt der erhobene Arm, in dem das Köpfchen ruht; der Blick ist verträumt nach oben gerichtet.

Auffällig ist, dass die zwei Amphora in den Körper des Aktes hineingezeichnet sind und umgekehrt. Gefäße und Körperformen des üppigen Aktes sind aufeinander bezogen. Sie sind Attribute einer Quellnymphe, die Griebel hier zitiert. Nymphen sind nach der griechischen Mythologie weibliche Gottheiten niederen Ranges, die als Personifikationen von Naturkräften überall auftreten können. Sie sind wie die Menschen sterblich. Allerdings lebten sie länger, fast bis zur Unsterblichkeit und ewiger Jugend. Der Tod einer Nymphe wurde mit dem gleichgesetzt, was sie verkörperte, wie z. B. eine Quelle.

Quellnymphe im Bad des Limeskastells Schirenhof (Ostalbkreis)
Lucas Cranach d. Ä. (1472–1553): Liegende Quellnymphe, 1518, Öl/Lindenholz, 59 x 92 cm, Museum der Bildenden Künste, Leipzig

Hinter dem Akt sehen wir einen Sarkophag (von griechisch σαρκοφάγος, »Fleisch verzehrend«). Diese kastenartigen, aus Marmor gefertigten Behälter waren im Hellenismus meist architektonisch in Form von Tempeln gegliedert: ein Giebeldach als Deckel und Reliefs an den Seitenwänden, wie auf dieser Tuschzeichnung.

Sogenannter Alexander-Sarkophag; Reliefs zeigen Schlacht- und Jagdszenen Alexander d. Gr.
Kampf bei den Schiffen vor Troja, Attischer Sarkophag, zweites Viertel des 3. Jh. Archäologisches Museum von Thessaloníki

Die Reliefs zeigen meist Szenen aus der Mythologie; oft stellen sie jedoch auch einen Bezug zum Verstorbenen her, indem Tätigkeiten und Eigenschaften des Toten dargestellt werden. Handelt es sich um mythische Figuren, wird ihnen oft das Porträt des Bestatteten und seiner Gattin verliehen.

Die drei Grazien, Relief am Aphrodite-Tempel in Aphrodisias, 1. Jh. v. Chr.

Auf der Tuschzeichnung sehen wir des Weiteren drei nackte Figuren, die an die antiken Drei Grazien (Chariten) erinnern. Gemäß der griechischen Mythologie sind sie Göttinnen der Anmut und stehen mit Aphrodite in Verbindung. Die Körperkonturen auf der Zeichnung sind allerdings, bis auf die Figur in der Mitte, nicht eindeutig weiblich; im Unterschied zur halbliegenden weiblichen Figur neben der Gruppe.

Nachdem die ikonographischen Bezüge vorgestellt worden sind, wollen wir uns nun Bildaufbau und Technik anschauen. Auffällig ist, dass Fritz Griebel den Sarkophag in Auf- und Seitensicht zeichnete. Er wendet hier ein Stilmerkmal des Kubismus an.

Braque (1882–1963) und Picasso (1881–1973) wollten zu Beginn des 20. Jahrhunderts das traditionelle Tafelbild zerstören, indem sie unter anderem den Gegenstand facettierten und mehrere Ansichten gleichzeitig malten.

Die Linienführung Griebels zeugt von einer sicheren Hand. Mit wenigen Strichen bannte der Künstler sein Motiv auf das Blatt Papier. Dicke wechseln sich mit dünnen Linien ab, eckige mit geschwungenen. Die Farbakzente sind wohl überlegt und tragen wesentlich zum harmonischen Bildaufbau bei. Die Farbskala ist eingeschränkt, es dominieren rot, braun und schwarz sowie ihre Farbmischungen. Ein hellblauer Kreidestreifen und ein olivfarbener betonen die Szene zusätzlich.

Pablo Picasso: Le Repose du Sculpteure, Suite Vollard, 1933

Fritz Griebel war von der antiken Bildwelt fasziniert. Sie taucht in allen Medien auf: Scherenschnitt, Ölmalerei und Zeichnung. Ein häufig wiederkehrendes Thema in seiner Kunst war die Freude am Leben, an der Schöpfung. In dieser frühen Tuschzeichnung sind Tod (Sarkophag) und Leben (Quellnymphe) aufs engste miteinander verwoben. Fruchtbarkeit und Sexualität, Vergänglichkeit und Sterben sind hier enigmatisch zur Anschauung gebracht.

Zur selben Zeit, als Griebel an seinen surrealen Tusch- und Kreidezeichnungen arbeitete, entstand die »Suite Vollard« (1930–1937) von Picasso. Diese Grafikfolge, angeregt von dem Kunsthändler Ambroise Vollard (1866–1939), umfasst 100 Radierungen zu Themen, die Picasso in der Zeit beschäftigten: das Atelier des Bildhauers, Minotaurus, die Auseinandersetzung mit Rembrandt oder seine Liebe zu Marie-Thérèse Walter (1909–1977). Liebe, Nacktheit, Erotik, Leidenschaft, Chaos, Porträts, mythologische Themen und Lebensgeschichte hielt Picasso mit der Kraft der Linie oder in Hell-Dunkel-Kontrasten fest. Picassos Linie ist feiner und homogener. Griebel setzt hingegen diverse Erscheinungsformen der Linie auf das Papier. Beide Künstler haben einen ausgeprägten Sinn für das Erotische, das bei Griebel häufig eine Spur rätselhaft wirkt.

Giovanni Paolo Pannini (1692–1756): Roma Antica, zwischen ca. 1754 und 1757, Öl/Lwd., 168 x 227 cm, Staatsgalerie Stuttgart

Das Enigmatische und Surreale der Komposition evoziert Griebel durch das Kunstprinzip des Capriccio. Im Bereich der Bildenden Kunst meint der Begriff zur Wende zum 16. Jahrhundert eine Metapher für sprunghafte Kreativität und willkürliche Einfälle. Er wird als kunsttheoretischer Begriff für Normverstöße und Novitäten weitergeführt und bezieht sich auf künstlerische Tatbestände, die eine Tendenz zur Regel- und Systemlosigkeit erkennen lassen. Das Capriccio richtet sich gegen Akademismus und dem Postulat der Naturnachahmung.

So wie sein italienischer Kollege Pannini würfelte Griebel Motive scheinbar wahllos zusammen. Zeigt uns der Barockkünstler Ansichten berühmter Monumente, Skulpturen der Antike und dergleichen als Erinnerung an die damals üblichen Kavalierstouren, transformierte Griebel antikes Bildprogramm ins 20. Jahrhundert. Die Umsetzung kennzeichnet ihn als modernen und kreativen Künstler, der an den Strömungen der Avantgarde partizipierte.

 

Antje Buchwald 2013

 

Literatur
Anita Coles Costelli (Hg.): Pablo Picasso. Vollard Suite. New York 1979.
Roland Kanz: Die Kunst des Capriccio. Kreativer Eigensinn in Renaissance und Barock. München u. a. 2003.
Ekkehard Mai, Joachim Rees (Hg.): Kunstform Capriccio. Von der Groteske zur Spieltheorie der Moderne. Köln 1998.