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Abendrot

 

Enstehungsjahr: um 1935
Material: Aquarell
Maße: 44 x 55 cm

1935 verbrachte Fritz Griebel Ostern in Pottloch an der Ostsee. Es ist durchaus denkbar, dass er während eines abendlichen Spaziergangs die untergehende Sonne am Strand malerisch festhalten wollte. Mit Sicherheit hat ihn das Farbspiel am Himmel dazu angeregt.

Das mittelgroße Bild ist in drei Zonen aufgeteilt: Strand, Meer und Himmel. Die Strandzone malte der Künstler in erdigen Farben, die in das türkisfarbene Meer übergehen. Es herrscht nur ein kleiner Wellengang. Griebel betonte die Horizontlinie, indem er die Blautöne des Wassers vom Strand aus dunkler werden ließ.

Die eigentliche »Handlung« findet in der Himmelszone statt. Dort ergab sich Fritz Griebel für seine Verhältnisse in einen regelrechten Farbrausch. Gelb, Rot, Orange sprengen das himmelblaue Firmament, als ob der Himmel brenne. Dunkelblau mischt sich mit Rot und lässt violettefarbene Nuancen entstehen. Das Abendrot spiegelt sich im Wasser und bildet einen wundervollen Farbtupfer.

Die Sonnensymbolik reicht bis in die älteste Menschheitsgeschichte zurück. Für die Weiterentwicklung im Christentum ist zu betonen, dass vor allem die Griechen und Römer den Sonnenkultus kannten. So nannte Platon (428/427 v. Chr.–348/347 v. Chr.) die Sonne den Sohn Gottes. Der strahlenbekränzte Sonnengott auf den Kaisermünzen des 3. und 4. Jahrhunderts kann als unmittelbares Vorbild für den Christus-Helios der altchristlichen Kunst gelten. Doch wurde Christus als Sonne selbst selten dargestellt.

Caspar David Friedrich: Frau vor untergehender Sonne, um 1818, Öl auf Leinwand, 22 x 30,5 cm, Museum Folkwang, Essen, Inv.-Nr. G 45

Der Frühromantiker Caspar David Friedrich (1774–1840) ist bekannt für seine metaphysisch-transzendenten Landschaftsbilder. In dem Bild Frau vor untergehender Sonne blickt eine weibliche Rückenfigur mit leicht erhobenen Armen in einen die gesamte Bildhälfte ausfüllenden Sonnenuntergang. Der zu ihren Füßen sichtbare Weg biegt abrupt nach rechts ab, so dass der Eindruck einer Schwelle entsteht, die es zu überschreiten gilt. Die großen Felsblöcke betonen die Figur, deren Körper zwischen der irdischen und der überirdischen Spähre still steht.

Das kompositorisch höchst durchdachte Bild ist ein Sinnbild für das Gottvertrauen des seiner eigenen Vergänglichkeit bewussten Menschen. So symbolisiert die untergehende Sonne den Tod, die Wegbiegung das Lebensende und die Felsblöcke und das Gebirge symbolisieren den Halt gebenden christlichen Glauben, die Hoffnung auf Erlösung.

Fritz Griebel verzichtete in seinem Aquarell weitestgehend auf Komposition und räumliche Wirkung. Ihm lag daran, ein Naturschauspiel auf abstrakter Ebene zu veranschaulichen. So lag ihm wohl auch die religiöse Metaphorik fern. Mit dieser kleinen Arbeit in expressiver Farbgebung schuf er ein Ausnahme-Werk in seinem Œuvre.

Antje Buchwald 2013

 

Literatur

H. Lang: Sonne. In: LCI. Lexikon der christlichen Ikonographie, Bd. 4, S. 175–178.
Weblink: collection-online.museum-folkwang.de