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Blaue Klänge

Enstehungsjahr: 1930er-Jahre
Material: Papier collé
Maße: 41 x 55 cm

Fritz Griebel gehört zu den Wegbereitern des modernen Scherenschnitts. Der Umgang mit Papier und Schere war ihm seit früher Jugend selbstverständlich. In den frühen 1930er-Jahren setzte er sich auch mit der Collage bzw. dem Papier collé (geklebtes Papier) auseinander.

Die von Braque (1881–1963) und Picasso (1881–1973) während des Kubismus zur Kunsttechnik erhobene Collage zeichnet sich im Gegensatz zum Papier collé durch die Einbeziehung jeglichen Fremdmaterials aus der Alltagswelt aus, das auf einen Bildgrund geklebt wird. Bei einem Papier collé werden hingegen nur verschiedene Papiersorten, wie faux bois-Tapete (eine mit Holzmaserung versehene Tapete), Zeitungspapier usw. auf den Bildgrund geklebt. Zeichnungen, Striche oder Schattierungen ergänzen die Papierfragmente und integrieren sie formal in den neuen Bildkontext.

Georges Braque: Obstschale und Glas, 1912, Kohle u. geklebtes Papier.

Das Papier collé von Fritz Griebel ist eine abstrakte Komposition. Sie formiert sich aus einem großen dunkelblauen Rechteck in der Bildmitte und Streifen in verschiedenen Blautönen, die entweder über oder unter das Rechteck geklebt worden sind. Das Papier des Rechtecks weist im Unterschied zu den anderen Materialien eine Struktur auf und exponiert es hierdurch. Vielleicht handelt es sich hierbei um ein von Griebel bemaltes Löschpapier. Die Struktur des hellbraunen Streifens wird durch seine Bemalung – eine feine Körnerung –, hervorgerufen und nicht durch das Papier.

Akzentuiert wird die Komposition durch einen kürzeren, roten Streifen, der den Blick lenkt. Er liegt seinerseits auf einem breiten, türkisfarbenen Streifen. Hellblaue Wellenformen und gelbe Kreise, die sich jeweils rechts und links auf der Bildfläche befinden, verleihen der Kompostion etwas Dynamisches.

Griebel klebte die Papierformen nicht intuitiv auf die Bildfläche. Er ging im Gegenteil äußerst planvoll vor. Ausgangspunkt war das blaue Rechteck, von dem er höchstwahrscheinlich einen Streifen abschnitt, und den er mit der Hälfte seiner Breite über das Rechteck bis zu seiner Mitte klebte. Links klebte Griebel über den dunkelblauen Streifen einen hellblauen und blauen. Im Zwischenraum blitzt der rote Streifen auf, der so lang ist, wie die blauen Streifen. Er füllt diesen jedoch nicht aus, sondern kontrastiert und verbindet den türkisfarbenen Balken mit dem Rechteck.

Der schräg unter das Rechteck geklebte braune Streifen müsste – wie der rote – wie ein Fremdkörper in der überwiegend aus Blautönen bestehenden Komposition wirken. Dies tut er aber nicht. Er wird in die Komposition integriert, indem der Künstler einen hellblauen Streifen über ihn klebte. Trotzdem bleibt er aber ein farblicher Gegenpart.

Die gelben Kreise, deren Papier zerknittert ist, und Wellen beziehen sich aufeinander. Sie fungieren wie eine Art Rahmen und halten die Komposition im Gleichgewicht. Wesentlich hierfür sind die feinen, schwarzen Tuschelinien. Sie rahmen Wellen und Kreise ein oder wiederholen die Form, als ob sie die Bewegung nachahmen. Die Linien sorgen auch für den inneren Zusammenhalt und tragen wesentlich zur harmonischen Anordnung der Schnittformen bei. Denn ohne sie wären der obere Kreis und die untere Welle isoliert. Eine Linie durchzieht auch den braunen Streifen, wobei die Linie an den Grenzen des Bildgrundes beginnt und endet. Ferner ist zu beobachten, dass Griebel die Linien nicht in einem Zug zeichnete, sondern oft mehrmals ansetzte.

Jean-Auguste-Dominique Ingres: Die große Odaliske, 1814, Öl/Lwd., 91 x 162 cm, Louvre, Paris

Die Verwendung von vornehmlich geometrischen Formen und der von Fritz Griebel gewählte Titel „Blaue Klänge“ lassen den Einfluss des Wegbereiters abstrakter Kunst erkennen: Wassily Kandinsky (1866–1944). Der Jurist und Nationalökonom begann erst mit 30 Jahren zu malen und erfand eine neue Formensprache zum Ausdruck seiner künstlerischen Vorstellungen. Diese beruhte auf der Vereinfachung und Flächigkeit des Gegenständlichen, einer Verselbständigung der Farbe und später auf geometrischen Figuren.

Seine theoretischen Fähigkeiten bewies Kandinsky als Professor am Bauhaus in Weimar und in einer Reihe von Artikeln und Büchern über abstrakte Malerei. In seiner 1911 erschienen Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ legte er Theorien vom „reinen inneren Klang“ der Malerei wie auch zur Form und Farbe dar und umriss seine Vorstellungen von einer abstrakten Kunst der Zukunft.

Im Kapitel „Formen- und Farbsprache“ stellt der Avantgardist fest, dass nur die Form, nicht aber die Farbe selbständig existieren könne. Die Form beeinflusst also die Farbe. Eine Form habe immer den ihr eigenen Charakter, Farbe hingegen verändere ihren, je nachdem, welche Form sie ausfülle. Form ist für Kandinsky eine „Abgrenzung einer Fläche von der anderen.“ Das Äußere der Form, d. h. die Abgrenzung, ist sehr verschieden. Sie kann gegenständlich oder abstrakt sein: „1. entweder dient die Form, als Abgrenzung, dem Ziele, durch diese Abgrenzung einen materiellen Gegenstand aus der Fläche herauszuschneiden […], oder 2. bleibt die Form abstrakt“.

Der Maler Fritz Griebel griff nun nicht nach Pinsel und Leinwand, als er sich mit der Malerei Kandinskys beschäftigte. Er nahm stattdessen Schere und verschiedene Papiere zur Hand. Dies führt zur These, dass ihm der Umgang mit dem Schneidewerkzeug vertrauter war. Er experimentierte mit ausgeschnittenen abstrakten Formen, während er zeitgleich figürliche Scherenschnitte schnitt.

Buchstäblich sind die Formen Griebels Abgrenzungen, wie sie nur die Schere schaffen kann. Schnittformen und Tuschelinien stehen in einem harmonischen Bezugssystem. Besonders die zwei Punkte aus Tusche tragen zur Ausgewogenheit des Bildes bei. Es ist nach Kandinsky eine Kompostion: „Hier spielt die Vernunft, das Bewusste, das Absichtliche, das Zweckmäßige eine überwiegende Rolle. Nur wird dabei nicht die Berechnung, sondern stets dem Gefühl recht gegeben.“

Es ist nicht erstaunlich, dass Fritz Griebel, der vorwiegend figürlich arbeitete, sich mit dem Werk und Denken des Wegbereiters der abstrakten Kunst auseinandersetzte. Griebel besaß ein ausgeprägtes Empfinden für Formen und Farben, das sich in seinem gesamten Werk beobachten lässt. Kandinskys Kompositionen mussten ihn einfach reizen.

 

Antje Buchwald 2014

 

Literatur
Wassily Kandinsky: Über das Geistige in der Kunst. www.geocities.jp/mickindex/kandinsky/knd_GiK_gm.html (letzter Abruf 05.01.2014, Hervorhebung im Zitat im Original)