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Stillleben mit Annette

Enstehungsjahr: nach 1945
Material: Öl/Leinwand
Maße: 80 x 98 cm

Fritz Griebels großes Thema ist das Stillleben. Das Element des Stilllebenhaften ist in seiner Kunst auf vielfältige Weise vertreten: durch Figürliches in Form von Skulpturen oder Skulpturfragmenten, Vegetativ-Pflanzliches, Dingliches oder durch eine Vermischung aller Gegenstände.

Fritz Griebel: Stillleben mit weiblichem Torso und Obstkorb, 1940er-Jahre, 60 x 75 cm

Der Begriff ‚Stillleben‘ leitet sich vom holländischen Ausdruck ‚stilleven‘ ab, wobei ‚still‘ ‚unbeweglich‘ meint und ‚leven‘ soviel wie ‚lebendes Modell‘ bedeutet. Als Stillleben bezeichnet man bildhaft abgeschlossene Darstellungen verschiedener Gegenstände, deren Auswahl und Gruppierung oft nach inhaltlichen, d. h. symbolischen und ästhetischen Gesichtspunkten erfolgt.

Die Geschichte des autonomen Stilllebens beginnt um 1600 in den Niederlanden, Deutschland, Spanien und Italien. Im Barock (etwa 1600–1770) erfreute sich das Stillleben in Europa und hier besonders in den Niederlanden und Flandern großer Beliebtheit und entwickelte sich zu einer eigenen Gattung in der Malerei. Es entstanden zahlreiche Unterarten der Stilllebenmalerei, wie etwa das Bücher-und Vanitasstillleben, das Mahlzeitstillleben, das Fischstillleben, das Blumen- und Früchtestillleben oder das Raucherstillleben.

Caravaggio: Canestra di frutta, ca. 1599

In Fritz Griebels Stillleben sehen wir seine Tochter Annette am Tisch sitzend, auf dem Früchte und Körbe mit Obst und Eiern drapiert sind. Das Mädchen trägt eine rote Bluse. Sein Kopf wird von der rechten Hand abgestützt, so dass sein Gesicht im Dreiviertelprofil gemalt wurde. Lange blonde Haare umrahmen das schöne Gesicht, das halb verschattet ist. Nachdenklich, verträumt und melancholisch blickt uns Annette Griebel an.

Auf dem weißen Tischtuch befindet sich in der Bildmitte ein großer geflochtener Korb mit allerlei Obst: Birnen, Trauben, Pflaumen und Äpfel. Ein Bund Zweige mit Blättern bekrönt das Obst. Neben dem runden Korb steht ein schmalerer, hoher Korb mit Henkel, in dem sich weiße Eier befinden. Auch auf dem Tisch sind viele Dinge zu entdecken: ein Vogelnest mit blauen Eiern, ein Maiskolben, Pflaumen, Äpfel, Birnen und Nüsse.

Obst- und Eierkorb füllen die Bildfläche fast aus. Das Mädchen würde hinter den Gegenständen verschwinden. Und doch zieht es unsere Blicke auf sich. Das Signalrot der Bluse sticht aus dem vorwiegend in Grün- und Brauntönen gemaltem Bild hervor.

Albrecht Dürer: Melencolia I, um 1514, Kupferstich, 24 x 18,7 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main

Die Kopfhaltung Annette Griebels erinnert an den berühmten Kupferstich „Melencolia I“ von Albrecht Dürer (1471–1528). Dieser Stich ist das rätselhafteste Werk Dürers und weist eine komplexe Ikonographie und Symbolik auf. Eine vollständige Interpretation ist wohl heute nicht mehr möglich. Ein weit verbreiteter Ansatz besagt, dass es eine Allegorie der Melancholie oder Depression ist.

Vor einem Bauwerk sitzt auf einer Stufe eine schwergliedrige, geflügelte Frauenfigur. Es handelt sich hierbei nicht um einen Engel, sondern um die Personifikation der Melancholie. Den linken Ellenbogen auf das Knie abgestützt, trägt der Arm das Gewicht des von der Faust getragenen Kopfes. Das Gesicht ist halb verschattet. Seit der Antike ist der in die Hand gestützte Kopf ein Gestus der Melancholie.

Der vor ihr reich gedeckte Tisch scheint Annette Griebel nachdenklich zu machen. Ernst und in sich ruhend blickt sie den Betrachter an. Das Ei als Symbol der Auferstehung verweist auf die christliche Tradition. Die junge Annette Griebel scheint über schwere metaphysische Fragen zu sinnieren: Leben und Tod und den Sinn des Lebens.

David Bailly: Selbstbildnis mit Vanitassymbolen, 1651, 65 x 97,5 cm, Musem De Lakenhal.

Während der letzten Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsjahren erlebte das Vanitasstillleben eine neue Blüte. Fritz Griebels Früchtestillleben mit seiner Tochter spielt symbolisch auf die Vergänglichkeit aller irdischer Dinge an. In dem Vanitasstillleben von David Bailly (1584–1657) z. B. versammelte der Künstler Dinge, die traditionell als Symbole der Vergänglichkeit gelten: Totenschädel, verwelkende Blumen, eine gerade erlöschende Kerze. Griebel malte keine Vergänglichkeit. Er malte das Denken darüber. Ohne das Porträt seiner Tochter wäre es ,lediglich‘ ein Früchtestillleben. Schlüssel für die Enträtselung des Bildes ist das junge Mädchen. In seiner Kopfhaltung und leicht getrübtem Blick spiegelt sich bereits die reife Erkenntnis, dass nichts von Dauer ist.

 

Antje Buchwald 2014

 

Literatur

Böhme, Hartmut. Albrecht Dürer. Frankfurt. 1989.
Ebert-Schifferer, Sybille: Die Geschichte des Stillebens. München 1998
Wölfflin, Heinrich: Die Kunst Albrecht Dürers. München. 1926.