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Schmerzensmann

Entstehungsjahr: 1952
Entwurf: Fritz Griebel
Ausführung: Nürnberger Gobelinmanufaktur GmbH
Besitz: Evang.-Luth. Kirchengemeinde Lauf an der Pegnitz

Dieses Werk des Monats bietet die einmalige Möglichkeit, den seit ungefähr zehn Jahren nicht mehr gezeigten Bildteppich »Schmerzensmann« zu beschauen. Noch bis Pfingsten ist er im Original in der Johanniskirche in Lauf an der Pegnitz (Bayern) zu bewundern.

Als 1973 das Gemeindezentrum im Ortsteil Kotzenhof der Gemeinde in Lauf an der Pegnitz fertiggestellt wurde, wurde für den Gottesdienstraum ein sakraler Meditationsschmuck für die Altarwand gesucht. Bei einer Verkaufsausstellung der 1942 gegründeten Nürnberger Gobelin Manufaktur, die damals der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste angegliedert war, entdeckte Herr Willi Adam als aktives Gemeindemitglied und Kunstliebhaber den Bildteppich. Er wurde dann von Stiftern aus der Gemeinde für den Gottesdienstraum angekauft, nachdem eine Delegation der Laufer Gemeinde mit dem damaligen Pfarrer den Ankauf einstimmig entschieden hatte.

Seitdem schmückte der Bildteppich den Gottesdienstraum, bis er vor ungefähr zehn Jahren abgehängt und zusammengerollt im Gemeindearchiv lagerte. Denn in der Zwischenzeit hatte sich die Nutzung des Raumes geändert: Er dient nun als Mehrzweckraum für Kinder.

Foto: Peter Griebel, 2014

Die vorübergehende Präsentation der Tappisserie in der Johanniskirche ist keine übliche. Der Bildteppich ist in dem barocken Hochaltar eingespannt. Hierbei handelt es sich um einen so genannten Wechselaltar, geschaffen von dem Laufer Schreinermeister Balthasar Götz. Wechselaltäre waren damals in Mode gekommen als Variante zu den bis dahin gebräuchlichen Flügel- oder Wandelaltären.

Der Altaraufsatz gliedert sich in vier Säulen in unterschiedlicher Gestaltung: die äußeren sind gewunden und mit Weinlaub und Trauben verziert, die inneren Säulen sind glatt und mit korinthischen Kapitellen und Akanthusblättern verziert, die sich bei den gewundenen Säulen wiederholen.

Auf dem durchbrochenen Giebel steht in der Mitte die Holzplastik Johannes des Täufers, dem die Laufer Stadtkirche geweiht wurde. Die Plastik hält in der linken Hand ein Buch, auf dem sich darauf ein Lamm befindet. Links und rechts auf dem Giebel sind Putti.

Die Wechselrahmen des Altars ermöglichen es nun, je nach Kirchenjahreszeit unterschiedliche Bilder zu zeigen. So wird von Ostern bis Pfingsten die Auferstehung Christi gezeigt. Doch dieses Jahr wird der »Schmerzensmann« von Fritz Griebel präsentiert.

Böhmischer Meister: Schmerzensmann zwischen zwei Engeln, um 1470, Tempera/Lwd. auf Lindenholz, 95,5 x 79,5 cm, National Galerie, Prag
Rueland Frueauf d. Ä.: Christus als Schmerzensmann, um 1500, Farbe/Holz, 182 x 116 cm, Alte Pinakothek, München (Quelle: The Yorck Project)

Das Motiv des Schmerzensmannes zeigt den geopferten Christus, welches die Passion und die Wiederholung des Opfers in der Eucharistie umgreift. Die mittelalterliche Bezeichnung für Schmerzensmann lautet u. a. Erbämdebild. Die älteste Darstellung, die in Malerei und Plastik bis ins 16. Jahrhundert weiterlebt, geht ins 12. Jahrhundert in Byzanz zurück und zeigt Christus halbfigurig mit geneigtem Haupt.

Seit dem 14. Jahrhundert ist besonders in Deutschland der ganzfigurige und nicht wie zuvor der zwischen Leben und Tod stehende, sondern der eindeutig lebende Schmerzensmann verbreitet. Die meisten dieser im Gefühlsgut der Mystik wurzelnden neuen Andachtsbilder entstanden durch Herauslösen entsprechender Szenen aus dem Leben Jesu.

Das Motiv des Schmerzensmannes zeigt den geopferten Christus, welches die Passion und die Wiederholung des Opfers in der Eucharistie umgreift. Die mittelalterliche Bezeichnung für Schmerzensmann lautet u. a. Erbämdebild. Die älteste Darstellung, die in Malerei und Plastik bis ins 16. Jahrhundert weiterlebt, geht ins 12. Jahrhundert in Byzanz zurück und zeigt Christus halbfigurig mit geneigtem Haupt.

Seit dem 14. Jahrhundert ist besonders in Deutschland der ganzfigurige und nicht wie zuvor der zwischen Leben und Tod stehende, sondern der eindeutig lebende Schmerzensmann verbreitet. Die meisten dieser im Gefühlsgut der Mystik wurzelnden neuen Andachtsbilder entstanden durch Herauslösen entsprechender Szenen aus dem Leben Jesu.

Foto: Peter Griebel, 2014

Schauen wir uns nun die Tapisserie von Fritz Griebel an: Vor einem dunkelblauen Hintergrund hebt sich der aschfahle Leib Christi ab. Er steht vor einem angedeuteten Kreuz. Seine Hände sind erhoben und zeigen seine Wunden durch die Kreuznagelung. Um die Hüften hat er einen Lendenschurz gebunden. Sein Körper ist abgemagert und übersät mit fast gleichmäßigen, ornamental angeordneten Blutstropfen. Aus der Seitenwunde und Handwunden fließt das Blut in Rinnsalen den Körper herunter. Auf dem Kopf trägt er die Dornenkrone, die zu einer Blutkrone geworden ist. Seine halb verschatteten Gesichtszüge sind ausgemergelt. Tiefe Tränensäcke hängen unter den Augen, die vor Schmerz fast geschlossen sind. Die Nase ist lang und kantig; der Mund eine klaffende Wunde. Griebel ist ein sehr ausdrucksstarkes ›Porträt‹ gelungen, das in seiner Drastik singulär im Oeuvre ist.

Um den Kopf Christi hebt sich deutlich ein weißer Nimbus ab. Rechts und links befinden sich die Gestirne Sonne und Mond. Beim Sterben Jesu soll die Sonne ihren Schein verloren haben (LK 23, 45). In der Apostelgeschichte (Apg 2,20) erwähnt Petrus im Kontext mit der Prophetie aus dem Buch Joel (Joel, 3,4), dass »die Sonne in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden« soll. Die Textstellen spielen auf die Sonnen- bzw. Mondfinsternis während der Kreuzigung Christi an. In der frühchristlichen und mittelalterlichen Kunst umrahmen beide Himmelskörper beim Kreuzestod das Antlitz Christi. Bereits in der Antike tauchen Sonne und Mond, allerdings personifiziert, in der Zusammenschau auf. Im Mittelalter sind Sonne und Mond Symbole für Christus und die Ecclesia.

Rechts neben der Jesusfigur steht eine Garbe, auf der stilisierte Kornblumen verteilt sind. Links sehen wir einen Früchte tragenden Weinstock. Sie symbolisieren Brot und Wein, die Jesus während des letzten Abendmahls dargereicht hatte.

Die derzeitige Präsentationsform der modernen Tapisserie in dem barocken Wechselaltar evoziert eine andere ästhetische Wirkung, als wenn der Bildteppich autonom an der Wand als Hintergrund für einen Altar hinge. Ausserdem beschneidet der Goldrahmen die Tapisserie: Die Worte »für euch«, die auf das Abendmahl verweisen sowie die Schlange unten links, die das Böse, die Sünde, symbolisiert, sind leider verdeckt.

Die Tapisserie nach einem Entwurf von Fritz Griebel ist ein wichtiges kunsthistorisches Werk. Entstanden 1952 sind in dieser Tapisserie die Leiden, Gräuel und Schrecken des Kriegs und der Nachkriegszeit unmittelbar erfahrbar. Es ist ein durch Geißelung und Kreuzigung gepeinigter Jesus, den Fritz Griebel vergegenwärtigt. Es ist ein Jesus, der das Leid und das Böse überwunden hat. Besonders die realistische Wiedergabe des Gesichtes rückt die Figur in die Jetztzeit und ermöglicht einen intensiven Austausch mit dem Betrachter. Die Tapisserie ist ein modernes Andachtsbild und im weitesten Sinn auch ein Mahnmal gegen Krieg.

 

Besonderer Dank an Willi Adam und Ewald Glückert (Stadtarchivar von Lauf a. d. Pegnitz a. D.).

 

Literatur:

H. Bauer: Christus, Christusbild. In: LCI. Lexikon der christlichen Ikonographie, Bd. 1. Rom u. a. 1968, S. 355-442.

Evang.-Luth. Kirchengemeinde, Lauf a. d. Pegnitz (Hg.): Rundgang durch die Johanniskirche in Lauf an der Pegnitz. Lauf 2011.

H. Lang: Sonne und Mond. In: LCI. Lexikon der christlichen Ikonographie, Bd. 4. Rom u. a. 1974, S. 178-180.

Mersmann: Schmerzensmann. In: LCI. Lexikon der christlichen Ikonographie, Bd. 4. Rom u. a. 1974, S. 87-95.

Stadtarchiv Lauf

 

Antje Buchwald 2014