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Demeter mit Dionysos

Enstehungsjahr: um 1937 bis 1941
Material: Lithographie
Maße: 64 x 49 cm

Unter dem Zauber des Dionysischen schließt sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und Mensch wieder zusammen: auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem Menschen.
Friedrich Nitzsche

In diesem kompositorisch reizvollen Werk des Monats werden Fritz Griebels Kenntnisse in der klassischen Archäologie wieder einmal deutlich. Der Künstler hält sich in seiner Darstellung allerdings nicht streng an antike Bildkonventionen.

Eine große, sitzende Frau hält auf ihrem Schoß mit der linken Hand eine Schale mit Früchten, mit der rechten eine kleine, leere Schale. Ihr langes Gewand ist durchscheinend. Die rechte Brust und Arm sind entblößt. Der Kopf ist vom Gewand umhüllt. Die Frauenfigur füllt den Bildraum fast aus.

Demeter, nach einem Wandgemälde in Pompeji, aus Meyers Konversationslexikon von 1888. (Quelle: Wikipedia)

Zu ihren Beinen steht ein kleiner nackter Junge. Sein langes Haar ist nach hinten gekämmt und scheint auch teilweise geflochten zu sein. Er ist gerade dabei, Weintrauben in eine Amphora zu füllen oder sogar den Saft aus den Trauben mit bloßen Händen zu pressen.

Als eine Art Leiste sind am rechten Bildrand über dem Knaben diverse Gegenstände vertikal angeordnet: eine Spitzamphora, ein mit Trauben gefüllter Henkelkorb, eine Gitarre, ein Aulos und eine Panflöte.

Das Sitzmotiv der Frauenfigur ist typisch für die Darstellung der Götter Demeter, Zeus oder Pluto. Demeter ist in der griechischen Mythologie die Göttin der Fruchtbarkeit, des Getreides, der Saat und Jahreszeiten. Ihre Attribute sind Blumen, Früchte und Samen; oft ist sie mit einem Schwein oder Delfin, seltener mit einer Biene dargestellt; als Zepter trägt sie eine Labrys (Doppelaxt). Das Entblösen der Brust findet sich hingegen eher bei Venus, der Göttin der Liebe, des erotischen Verlangens und der Schönheit.

The Via Labicana August, der röm. Imperator als Augustus Pontifex mit dem Kopf verschleiert für eine Opferung, 20 v. Chr. Nationalmusem, Rom. (Quelle: Wikipedia)

Bei der kleinen Schale, welche die Sitzfigur präsentiert, handelt es um eine Patera, eine Opferschale. Die Schalenform ist flach, rund und grifflos, in der Mitte weist sie einen nach innen gewölbten Buckel auf. Im gesamten römischen Kulturkreis fand diese Form Verwendung. Aus der Schale wurde das Trankopfer, besonders das Weinopfer, genommen. Auch wurde vor der Opferung der Kopf des Opfertieres aus der Schale begossen. Nach der Opferung wurde das Blut mit der Patera aufgefangen, jedoch galt es als moralisch verwerflich, dieses Blut aus der Schale zu trinken.

Im Kontext der Opferschale ist auch das über den Kopf gezogene Gewand Demeters wohl zu deuten. Nach römischem Ritus sind Togastatuen mit einem über den Kopf gezogenen Togateil (capite velato) als Opfernde zu deuten.

Bei dem kleinen Knaben könnte es sich um Dionysos handeln, dem Gott des Weines, der Fruchtbarkeit, des Rausches und des Wahnsinns. Hierauf lassen die Weintrauben und Musikinstrumente deuten: Meist wird der Gott mit einem von Efeu und Reben umkränzten Thyrsos (Bacchusstab) und Kantharos, einem Weinbecher, dargestellt, häufig auch mit Panther- oder Tigerfellen bekleidet. In der Antike sind Darstellungen des Gottes als Kind seltener, es überwiegen Darstellungen des Typus mit Bart seit der Archaik bis in hellenistisch-römische Zeit. Daneben entwickelte sich im 5. Jahrhundert auch der jugendliche Typ des Dionysos.

Die Erziehung des Dionysos, Fresko, heute Nationalmusuem Rom, Rom um 20 n. Chr. (Quelle: The Yorck Project, Wikipedia)
Statue des Dionysos, röm. Kopie um 50 n. Chr., griech. Original um 340 v. Chr., Britisches Museum, London. Foto: Jack1956 (Quelle: Wikipedia)

Dionysos war meist im Gefolge von Satyrn und Mänaden („die Rasenden“). Bekränzt mit Efeu, hüllten sich seine Begleiterinnen in Hirsch- Reh- oder Fuchsfelle, trugen Fackeln und Thyrsoi. Sie verkörperten die Fruchtbarkeit der ungebändigten Natur. Begleitend von Flöten, Pauken und Tamburinen, zelebrierten Satyrn und Mänaden orgiastische Riten: Sie praktizierten „freie Liebe“, zerrissen wilde Tiere, und aßen sie. Frühe Darstellungen zeigen Mänaden mit um den Armen gewundenen Schlangen. Der Gott erschien ihnen als Stier.

Satyr und Mänade, Tondo einer attischen rotfigurigen Kylix, um 480 v. Chr., aus Vulci; Staatliche Antikensammlungen, München, Inv. 2654 (Quelle: Wikipedia)

Fritz Griebel scheint in seinem Bild Demeter und Dionysos als Mutter und Sohn dargestellt zu haben. Neben mythischen Quellen, zeugen wohl auch kultische Aspekte für die Verbindung beider Götter: In den Eleusinischen Mysterien wurde Demeter und Dionysos gemeinsam als Mutter und Sohn verehrt. Versinnbildlichte Demeter das Getreide und Brot, so Dionysos den Wein. Wahrscheinlich wurden Demeter auch Trauben geopfert. Aus dieser Kultform sollte sich im christlichen Gottesdienst die Eucharistie mit Brot und Wein entwickelt haben, wobei hier alles auf die Person Christus bezogen ist.

In Griebels Bild dominiert die Göttermutter Demeter. Sie verkörpert die Fruchtbarkeit der Menschen, aber auch der der Natur und Tiere. Für sie gibt es kein Ende, nur Veränderung und Wachstum. Der androgyne, junge Dionysos kann auch als Symbol für die zügellose Natur (des Menschen) gedeutet werden.

Griebels Auseinandersetzung mit antiker Mythologie und Bildkünsten scheint von dem sehnsuchtsvollen Wunsch getragen zu sein, sich wieder mit der dem Menschen entfremdeten Natur zu vereinen.

 

Literatur:
Andrea Bendlin: Patera, Patella. In: Der Neue Pauly. Band 9, Stuttgart 2000, Sp. 397–397.
Klaus Mailahn: Dionysos, Gott der Göttinnen. Die wahre Herkunft und Identität einer griechischen Gottheit. Hamburg 2014.
Friedrich Nitzsche: Die Geburt der Tragödie. Oder: Griechenthum und Pessimismus. Stuttgart 1993, S. 23.
Renate Schlesier, Agnes Schwarzmaier (Hg.): Dionysos. Verwandlung und Ekstase. Regensburg 2008.

 

© Antje Buchwald 2015