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Paar mit Früchten

Entstehungsjahr: frühe 1930er-Jahre
Material: Rötel/Papier
Maße: 63 x 48 cm

In der Kunst Fritz Griebels ist der Mensch zentral. Dieses Interesse manifestiert sich in unterschiedlichen Techniken und Stilen. Der Künstler malte beispielsweise realistische Porträts von seinen Eltern, Freunden oder von Auftraggebern. Er schnitt den Menschen als Scherenschnitt in unzähligen Darstellungen als Paar oder in archetypischer Gemeinschaft mit Tieren. Parallel zeichnete er ab den 1930er-Jahren symbolische Darstellungen mit Kreide oder Rötel.

Sowohl bei den Schnittbildern als auch bei den Zeichnungen spielt der Mensch als Akt eine große Rolle. Auch die antike Kunst bzw. Kleinkunst und Kultur sind als Referenzpunkte sehr häufig gegenwärtig.

Dieses Werk des Monats ist eine Studie. Es zeigt ein nacktes Paar, das sich an den Händen hält. Es ist von Früchten und Blättern umgeben, was ein Stilmerkmal Griebels Kunst ist. Nacktheit, Frontalität und die Anordnung der Figuren zueinander – die Frau steht zur Linken des Mannes –, sind ikonographisch mit dem Thema Adam und Eva vergleichbar.

Albrecht Dürer: Adam und Eva, 1507, Öl/Holz, 209 x 81, 209 x 83 cm, Prado, Madrid.

Die Frauenfigur hat im Unterschied zum Mann ein helles Hautinkarnat. Bereits auf geometrischen Vasen und besonders bei der rotfigurigen Vasenmalerei in der Antike werden Mann und Frau mit unterschiedlichen Hautfärbungen dargestellt. Griebels Frauenfigur weist darüber hinaus auch Disproportionen auf: Der Kopf ist viel zu klein für den rundlichen Körper. Die Gesichtszüge sind fein und einfach gezeichnet, wie auch die Haare einfache Striche sind. Hervorzuheben ist der linke Arm: Ober- und Unterarm sind deutlich durch zwei kleine Halbkreise separiert. Dies lässt den Schluss nahe, dass es sich um eine Gliederpuppe handeln könnte.

Der Figur sind runde und nach oben hin spitz zulaufende und unten abgerundete Früchte als Attribute beigegeben. Sie symbolisieren allgemein den weiblichen Körper. Die runden Früchte – Äpfel oder Trauben –, symbolisieren für Griebel die weibliche Brust. Birnen und Pfirsich zeichnete er auf dem Geschlecht und neben dem Gesäß der Figur.

Die männliche, dunkle Figur hat längliche Stäbe als Attribute. Sie symbolisieren das männliche Geschlecht. Aus einem Korb zu ihren Füßen fallen kleine, runde Früchte. Rätselhaft sind die blätterartigen Formen auf der Brust. Auch der Stab über dem Kopf sind nicht eindeutig zu interpretieren: Wird der Kopf von ihm gar gespalten? Oder soll er einen Kontext zu den runden Früchten auf der Brust der Frauenfigur herstellen?

Die Stellung der Beine machte den Künstler Schwierigkeiten; viele Bleistiftstriche zeugen davon. Auch ist zu erkennen, dass er zwei Varianten ausprobierte: Einmal ist das Bein abgeknickt und ein andermal ist es durchgedrückt.

Die männliche Figur hat einen Arm um die Frauenfigur gelegt. Diese berührt mit einer Hand den Stab (Glied) der männlichen Figur. Der umgekippte, längliche Korb, aus dem sich die Früchte ergießen, könnte somit auch den Geschlechtsakt symbolisieren. Die puppenähnliche Figur spielt die ihr seit Eva angetragene Rolle als Verführerin des Mannes.

Griebel befragte in seiner Kunst das Menschsein. Viele Schnittbilder und Rötelzeichnungen geben darüber Auskunft. Neben dem Alltags- bzw. Familienleben vor der Folie der Antike ist immer wieder Erotik ein Thema, welches ihn beschäftigte. Er scheint sich mit den psychoanalytischen Studien Freuds (1856–1939) und insbesondere mit denen von C. G. Jung (1875–1961) auseinandergesetzt haben. Hierauf lassen später entstandene Werke schließen.

Das Traumhafte, Unbewusste und der Trieb sind zentrale Themen in den Werken seit den 1930er-Jahren. Den Keim hierfür legte Fritz Griebel in diese Rötelzeichnung. Sie macht ihn zu einem Vertreter der klassischen Moderne.

 

Antje Buchwald 2015