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Frau unter Früchten

Entstehungsjahr: 1930er-Jahre
Material: Kreide
Maße: 48 x 63 cm

Auf einem rechteckigem Papier ist ein weiblicher Akt von Früchten und Blättern umgeben. Während in der oberen Bildhälfte kleine Blätter und kleine Früchte wie Pflaumen oder Äpfel dicht gedrängt um den Körper liegen, sind im unteren Bildteil die Früchte entgegen ihrem Vorkommen in der Natur größer und weiter auseinander liegend. Es sind hier besonders Pfirsiche und eine Birne zu erkennen.

Natürlich spielen die runden Formen der Früchte auf den weiblichen Körper an. Die Zeichnung ist sexuell aufgeladen. Jedoch ist die Sexualität verhalten, denn Brust und Scham des Aktes ist nur mit sanften Schattierungen angedeutet. Vielmehr geht von dem Akt eine gewisse Sinnlichkeit aus.

Die Zeichnung wird bestimmt von weißen Flächen und hell- bis dunkelgraue Flächen und Linien. Volumen suggeriert der Künstler allein durch unterschiedliche Schattierungen. Der weiße Körper hebt sich deutlich von dem fast schwarzen Schatten im unteren Bildbereich ab. Gleichzeitig scheint der Körper mit den Früchten verbunden, wenn diese sich dicht am Oberkörper schmiegen.

Giovanni Ambrogio Figino (1548–1608): Teller mit Pfirsichen und Weinblättern, Öl/Holz, 21x29 cm, Privatslg.

Fritz Griebel kombinierte mit Vorliebe seit den 30er-Jahren Frauen und Früchte, manchmal fügte er noch Musikinstrumente hinzu. Das traditionelle Stillleben (niederl.: still = unbewegt und leven = Dasein) zeigt unbewegte Gegenstände, die kunstvoll arrangiert sind. Der französische Begriff nature morte verweist darauf, dass unter den Gegenständen auch tote Tiere subsumiert werden konnten. Entstanden in den Niederlanden als autonome Gattung zu Beginn des 17. Jahrhunderts entwickelten sich diverse Typen, wie z. B. das Vanitas-, Musik-, Küchen- oder Früchtestillleben.

In der Gattungstheorie seit dem 17. Jahrhundert gehört das Stillleben zur niedersten Gattung. An oberster Stelle war die Historienmalerei, danach folgte das Porträt, und in absteigender Reihenfolge Genre, Landschaft und Stillleben.

Cézanne: Stillleben mit Äpfeln und Orangen, 1895–1900, Öl/Lwd., 73 x 92 cm, Musée d‘Orsay (The Yorck Project).

Besonders im 19. und 20. Jahrhundert wurde das Stillleben zum Experementierfeld für Künstler. Einer von ihnen war Cézanne (1839–1906), der gesagt haben soll: „Mit einem Apfel will ich Paris in Erstaunen versetzen.“ Unter den seinen knapp eintausend Werken sind zweihundert Stillleben.

Er wandte sich in ihnen von den naturgetreuen und virtuos gemalten Oberflächenstrukturen der holländischen Stilllebenmaler ab und konzentrierte sich ganz auf Farbe und Komposition. Sie trugen entscheidend dazu bei, dass das Stillleben in den Rang hoher Kunst aufgenommen wurde. Seine schlichten, von sachlicher Geometrie geprägten Gegenstände inspirierten unter anderem Picasso (1881–1973) und Juan Gris (1887–1927).

Fritz Griebels setzte sich mit der Kunst Cézannes seit Mitte der 1920er-Jahre auseinander. Sein Früchtestillleben mit weiblichem Akt ist keine ,tote Natur‘ (nature morte), sondern wirklich das stille Leben. Bei genauerer Betrachtung scheinen Frau und Früchte sogar im Raum zu schweben und verleihen der Zeichnung etwas Übersinnliches und Traumhaftes. Das Moment des Traumes rückt Griebels Stillleben in die Nähe der Pittura metafisica, einer italienischen Strömung der Malerei seit etwa 1910. Sie suchte das Übersinnliche, Transzendente, das über der Sinnenwelt hinaus liegende Geistige darzustellen. Allerdings verzichtet Griebel auf die Atmosphäre von Enge auf fast bühnenartig gestalteten menschenleeren Plätzen mit Fluchtpunktperspektive(n).

Losgelöst von Raum und Zeit, schuf Griebel ein enigmatisches und sinnliches Stillleben, das über das Sein und die Dinge nachdenklich macht.

 

Antje Buchwald 2015

 

Literatur:
Sybille Ebert-Schifferer: Die Geschichte des Stillebens. München 1998.