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Ansicht des Berliner Gendarmenmarktes

Enstehungsjahr: 1922
Material: Aquarell
Maße: 33,5 x 23 cm

Fritz Giebel studierte von 1917 bis 1921 an der Kunstgewerbeschule (später Akademie der Bildenden Künste) in Nürnberg bei Rudolf Schiestl (1878–1931) Buchkunst und Grafik. Nun stand ihm der Weg frei für weiterführende Akademien. Er entschied sich für die Berliner Akademie der Bildenden Künste. Er studierte dort bis 1927 in der Malklasse bei dem seiner Zeit sehr bekannten Maler und Illustrator Hans Meid (1883–1957). Meid zählte mit Max Slevogt (1868–1932) damals zu den bekanntesten Illustratoren. Vermutlich strebte Griebel selbst eine Laufbahn als Illustrator an. Wie sein früherer Lehrer Schiestl, schätzte auch bald Meid Fritz Griebels Talent, so dass er sein Meisterschüler wurde. Während des Zweiten Weltkrieges sollte Griebel seinen ehemaligen Lehrer zeitweilig im Schloss Gereuth in Oberfranken unterbringen.

Die Großstadt Berlin muss auf den jungen Künstler elektrisierend gewirkt haben. In der Metropole mit fast vier Millionen Einwohner wurde die Kultur der Weimarer Republik erfahrbar: Jazzmusik, dadaistische Aktionen, Brechts episches Theater, das Bauhaus, Kino und Radio. Nürnberg hingegen war kein kulturelles Zentrum der Weimarer Republik. Es war in den 1920er-Jahren kulturelle Provinz.

Die maßgeblichen Akteure der Kunstszene, hier sind besonders der Oberbürgermeister Hermann Luppe (1874–1945) und sein Kulturattaché Fritz Traugott Schulz zu nennen, waren der Moderne gegenüber skeptisch eingestellt. Trotzdem öffneten sie im Dürerjahr 1928 Nürnberg für die Moderne, indem sie Werke des Expressionismus, der Neuen Sachlichkeit und des Bauhauses zeigten.

Zu Beginn seines Studiums in Berlin entstand dieses Aquarell. Gleichsam wie ein Tourist scheint er die Sehenswürdigkeiten der Stadt erkundet zu haben. Entstanden ab 1688 nach Plänen von Johann Arnold Nering (1659–1695) als Teil der Friedrichstadt, die Kurfürst Friedrich III. (später König Friedrich I. in Preußen, 1657–1713) anlegen ließ, gilt der Gendarmenmarkt heute als „schönster Platz Berlins“ in dessen historischer Mitte.

Mit dem Edikt von Potsdam durch den Großen Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620–1688), welches Hugenotten ihre religiöse Freiheit und Bürgerrecht zusicherte, siedelten sich französische Einwanderer in diesem Viertel an. Unter König Friedrich I. erhielt die französisch-reformierte Gemeinde sowie die lutherische je eine Stelle auf dem Platz für einen Kirchenbau. Zwischen den Kirchen steht heute das von Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) entworfene königliche Schauspielhaus, das heutige Konzerthaus.

Panorama des Gendarmenmarkts, Mitte das Schauspiel- oder Konzerthaus, links der Deutsche und rechts der Französische Dom, 2008. Foto: Jhintzbe (Quelle: wikipedia.org)


Die Ansicht des Gendarmenmarktes wählte Fritz Griebel nicht frontal, sondern er stand auf den Stufen der großen Freitreppe des Schauspiel- bzw. Konzerthauses. Diese wird von beiden Seiten von zwei die Macht der Musik symbolisierenden Bronzeskulpturen von Christian Friedrich Tieck (1776–1851), der den Skulpturenschmuck des Gebäudes entwickelte, flankiert: links ein Panther und rechts ein Löwe, die jeweils eine musizierende Figur auf ihrem Rücken tragen.

Bronzeplastiken von Christian Friedrich Tieck am Haupteingang Schauspielhaus Berlin (Quelle: wikipedia.org)


Griebels Aquarell zeigt den Löwen mit der geflügelten (Rücken-)Figur sowie den Französischen Dom. Das Schauspielhaus ist nur noch andeutungsweise zu erkennen. Es ist also keine klassische Vedute, da Griebel nur ein Detail des Architekturensembles wirklichkeitsgetreu wiedergab.

Carl Hasenpflug (1802–1858): Gendarmenmarkt in Berlin, 1822, Öl/Lwd., 84 x 131,7 cm. Foto: Kunsthaus Lempertz. (Quelle: wikipedia.org)

Es ging Griebel nicht primär um die Abbildung einer Gegebenheit, sondern um eine Gesehenheit. Der Betrachterstandpunkt erlaubt es ihm, Französischen Dom und Skulptur als eine Einheit zu sehen. Die gewählte Perspektive lässt zwei weit auseinander stehende Objekte miteinander verschmelzen. Der junge Kunststudent hinterfragt in diesem Architekturstück seine Wahrnehmung. Gleichzeitig übt er sich in der Vedutenmalerei, die eng mit dem sich entwickelnden Bildungstourismus in der Barockzeit verknüpft war.

 

Literatur:

  • Franz Hermann Franken: Hans Meid. Leben und Werk. München 1987.
  • Alexander Schmidt: Kultur in Nürnberg 1918–1933. Die Weimarer Moderne in der Provinz. Nürnberg 2005.
  • Birgit Rauschert: Die verhinderte Moderne. Nürnberger Künstler der „verschollenen Generation“. Dettelbach a.M. 2013.
  • Irmgard Wirth: Berliner Malerei im 19. Jahrhundert. Von der Zeit Friedrichs des Großen bis zum Ersten Weltkrieg. München 1998.

 

Antje Buchwald 2016