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Stillleben mit Kürbissen

Enstehungsjahr:1934
Material: Öl/Leinwand
Maße: 80 x 65 cm

 

Es gibt ihn in vielen Farben, Formen und Größen: Der Kürbis war bereits in präkolumbischer Zeit als Gemüse bekannt und wurde zunächst nur auf dem Gebiet Amerikas kultiviert. Doch schon im 16. Jahrhundert wird er weltweit in warmen Gebieten angebaut. Er kriecht und klettert, wo er Platz findet. Schnell bildet er Früchte aus. Innen ist die Frucht hohl und produziert sehr viele essbare Samenkörner. Das Fruchtfleisch dient für Marmeladen, Suppen, Kuchen oder Curry.

Dem Kürbis werden in den Kulturen diverse symbolische Gehalte zugeschrieben. Galt er den Römern als Sinnbild für Aufgeblasenheit und Dummheit, weil die Frucht schnell wächst und innen hohl ist, ist er für die Asiaten Symbol für das ewige Leben und das Gleichgewicht der Welt.

Miniatur aus dem Tacunium Sanitatis (um 1390, Cod. Vindob. S. n. 2644) fol. 22 verso. (Quelle: wikipedia.org)

Oft wurde die Furcht auch als Vorratsgefäß genutzt: Im alten China wurden im ausgehöhlten und getrockneten Kürbis Arzneimittel und Pulver aufbewahrt, und er wurde so zum Symbol für Apotheker und zugleich für Magie.

Im christlichen Kulturkreis ist der Kürbis Attribut der Pilger und ihres Schutzheiligen Raphael. Die Pilgerflasche, auch Gurde genannt (lat. curcurbita, frz. gourde: Kürbis) war ursprünglich ein ausgehöhlter und getrockneter Flaschenkürbis, in welchem die Pilger einen Labetrunk mit sich führten. Vom Wallfahrtsort wurden dann meist mit geweihtem Wasser gefüllte Pilgerflaschen mit nach Hause gebracht. Der Erzengel Raphael soll in seinem Kürbisgefäß Medizin gehabt haben. Er begleitete Tobias auf seiner Reise und heilte dessen Vater Tobit.

Bei Halloween dient ein ausgehöhlter und mit einer Fratze eingeschnittener Kürbis als Laterne (Jack-O-Lantern), die am Abend vor Allerheiligen den Teufel und alle anderen Geister abhalten soll. In Afrika wird besonders der Flaschenkürbis als Bau von Musikinstrumenten (Kora) genutzt, früher diente er auch als Penisfutteral.

Fritz Griebel: Stillleben mit Kürbissen, 1934, Öl/Lwd., 90 x 130 cm

Fritz Griebel malte den Kürbis oder kürbisähnliche Formen oft. Häufig malte er die Frucht mit anderen Gemüsen. 1934 malte er den Kürbis solitär in zwei Varianten: In der einen Variante wählte ein Querformat, in der anderen ein Hochformat. Beide Bilder zeigen ein Stillleben: ein intakter und ein in zwei Hälften halbierter Kürbis stehen bzw. liegen auf einem Holztisch vor einem grauen Hintergrund; eine bereits austreibende Zwiebel, ein kleines Messer sowie zwei Quitten liegen jeweils auf dem Tisch.

Beide Bilder zeigen den Raum angeschnitten: beim querformatigen sind die Tischbeine und der dunkelbraune Holzstuhl angeschnitten dargestellt. Die andere Bildvariation ist radikaler: der Tisch scheint nur noch aus der Tischplatte zu bestehen. Griebel malte hier einen Flaschenkürbis. Der Schnitt durch die Frucht offenbart ihr Innerstes: weiches, saftiges, hellgelbes Fruchtfleisch und Kerne. Eine Kürbishälfte drapierte der Künstler in eine Messingschüssel, die die Lichtreflexionen spiegelt. Das Grau der Schüssel wiederholt sich im in der Klinge und in der blaugrauen Wand.

Alexander Kanoldt (1881–1939): Stillleben I, 1930, Öl/Lwd. 81 x 62 cm (Quelle: www.alexander-kanoldt.de/werke.shtml)

Fritz Griebel malte die Bilder im Stil der Neuen Sachlichkeit. Mit ihr ging eine Rückbesinnung auf die Welt des Sichtbaren einher als Konsequenz auf die tiefen Erschütterungen des Ersten Weltkrieges. Nach den Aufbrüchen der Avantgarden mit ihren Utopien, die nun als desillusionierend empfunden wurden, kehrte man zum Gegenstand, zum klaren Bildaufbau und objektivierender Darstellungsweise zurück: Porträt, Landschaft, Vedute und vor allem das Stillleben wurden zu bevorzugten Themen bzw. Gattungen.

Warum malte Griebel aber ausgerechnet einen Kürbis? Sicherlich hat ihn seine Form und Farbreichtum fasziniert. Seine Rundungen, die besonders beim Flaschenkürbis ausgeprägt sind, dürften ihn darüber hinaus an den weiblichen Körper erinnert haben. Viele seiner Bilder sind von einer unterschwelligen bis offenen Sexualität bestimmt.

Der Kürbis gilt wegen seiner vielen Kerne und schnellen Wachstums als Symbol für Fruchtbarkeit. In Afrika symbolisiert der Kürbis selbst die Gebärmutter. Besonders der aufgeschnittene Kürbis lässt Assoziationen an das weibliche Geschlecht zu. Doch wird die Frucht auch symbolisch als die Verkörperung des sich ausbreitenden Christentums angesehen. Der Kürbis vereinigt somit drei wichtige Themen bzw. Gattungen innerhalb Fritz Griebels Werk: das Stillleben, das Weibliche (Akt) und die sakrale Historie. Zudem war ein Gemüse-Stillleben seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 kulturpolitisch weniger verdächtig.

 

Antje Buchwald 2016

 

Literatur
Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann. www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_7008.html (28.06.16)