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Christkind (Kalenderblatt)

Enstehungsjahr: 1968
Material: Aquarell auf Papier
Verlag: Karl Ulrich & Co., Nürnberg/Graphische Kunstanstalt und Verlag

Fritz Griebel war immer wieder auch als Gebrauchsgraphiker tätig. So illustrierte er bereits 1922 im Buch Gottesgarten Texte von Matthias Claudius (1740–1815), Paul Fleming (1609–1640), Paul Gerhard (1607–1676), Nicolaus Hermann (1500–1561) und Johann Scheffler (1624–1677) sowie anonyme Liedtexte des 12. bis 17. Jahrhundert mit Scherenschnitten.

Oder er arbeitete mit dem Kinderbuchautor Friedrich Böer (1904–1987) zusammen. Dieser war 1948 auch Herausgeber der Lindauer Bilderbogen, für die er namhafte Illustratoren gewann. Für die Deutsche Bundespost entwarf Griebel eine Briefmarke, welche Die Sterntaler im Scherenschnitt zeigt.

Griebels Kreativität findet sich auch in Kalenderblättern wieder, die ein breites Publikum ansprechen sollten. Für den Verlag Karl Ulrich, Graphische Kunstanstalt gestaltete er gleich einen ganzen Kalender.

Für das Dezemberblatt aquarellierte er das Christkind in einem gelben, glockenförmigen Rock. Über diesen trägt es eine blaue Schürze mit weißen Streifen am Saum. Eine rote Bluse mit weißen Querstreifen setzt zusätzliche Farbakzente. Ausladend sind die Flügel des Christkindes, das seine Arme hinter dem Rücken verschränkt hat. Es trägt eine Krone, die wie eine Papierkrone wirkt. Das Gesicht ist nicht weiter ausgeführt, auch fehlen die ikonographisch vorgesehenen blonden Locken des Christkindes.

Rechts neben ihm steht wie selbstverständlich ein übergroßes Lebkuchenpärchen, zu deren Füßen Nüsse und Apfelsinen liegen. Ein einsamer Lebkuchen steht links vom Christkind.

Tannenzweige mit Kerzen, Weihnachtsbaumkugeln und einem Stern schweben über den Figuren vor einem grau-schwarzen Hintergrund.

Vor allem in Süd- und Westdeutschland, Österreich, Ungarn, Slowakei, Slowenien, Kroatien und Südbrasilien ist die Vorstellung des Christkindes populär. Es ist heute eine Symbolfigur für weihnachtliches Schenken.

Dass heute in einigen Teilen der Welt das Christkind die Geschenke bringt und nicht der Weihnachtsmann geht sehr wahrscheinlich auf Martin Luther (1483–1546) zurück. Der Reformer lehnte die Heiligenverehrung der römisch-katholischen Kirche ab, wonach am 6. Dezember, am Nikolaustag oder am 28. Dezember, am Tag der unschuldigen Kinder die Beschenkung statt fand.

Luther ersetzte den Heiligen Nikolaus durch den »Heiligen Christ« und die Beschenkung erfolgte am 25. Dezember. Der »Heilige Christ« sollte nach Luther Jesus Christus sein, jedoch nicht in seiner Personifikation als neugeborenes Jesuskind.

Im Laufe der Jahre wurde aus dem »Heiligen Christ« das Christkind und verselbständigte sich zu einer engelsgleichen Vorstellung, die vermutlich auf weihnachtliche Umzugsbräuche zurückgeht. Zunehmend wurde das Christkind im protestantischen Nord- und Mitteldeutschland vom Weihnachtsmann verdrängt.

Im protestantischen Franken hat das Christkind bis heute Tradition. Es eröffnet z. B. seit 1933 den Nürnberger Christkindlesmarkt. Zunächst von Schauspielerinnen verkörpert wird seit 1969 alle zwei Jahre ein neue Darstellerin gewählt, die aus Nürnberg kommen und zwischen 16 und 19 Jahre alt sein muss.

Der Nürnberger Christkindlesmarkt ist einer der größten Weihnachtsmärkte Deutschlands, auf dem natürlich auch die Nürnberger Lebkuchen verkauft werden.

Griebel konnte sich gut in die kindliche Seele zurückversetzen. Für seine Kinder Annette und Peter erfand er z. B. kleine Geschichten, die er mit viel Einfühlungsvermögen und Phantasie illustrierte.

Griebel beschwört mit diesem kindlich anmutenden Aquarell den Zauber von Weihnachten, das vor allem für Kinder ein aufregendes Fest ist. Der Lebkuchenmann und seine Frau werden zum Leben erweckt und das Christkind wartet darauf, seine Geschenke unbemerkt zu verteilen.

Das Nürnberger Christkind beschließt seinen Prolog zur Einweihung des Christkindlesmarktes mit den Worten:

»Ihr Herrn und Frau‘n, die Ihr einst Kinder wart,
Seid es heut‘ wieder, freut Euch in ihrer Art.
Das Christkind lädt zu seinem Markte ein,
Und wer da kommt, der soll willkommen sein.«

So appelliert auch Griebel an das Kind in uns, an Freude, Sorglosigkeit, Glück – und sei es nur für eine Weile.

 

Antje Buchwald 2016

 

Literatur
Ingeborg Weber-Kellermann: Das Weihnachtsfest. Eine Kultur- und Sozialgeschichte der Weihnachtszeit. München 1987.