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Anna Griebel

Enstehungsjahr: 1926
Material: Öl/Leinwand
Maße: 62 x 50 cm

Fritz Griebel hatte fünf Geschwister. Anna Griebel (24.08.1893–06.10.1971) war seine älteste Schwester. Sie war vor und nach dem Zweiten Weltkrieg als Handarbeitslehrerin in Heroldsberg und Kalchreuth tätig. Hiermit erschöpfen sich leider ihre biographischen Daten. Anfragen bei Gemeinden und Schulämtern waren erfolglos, teilweise waren auch betreffende Akten nach Ablauf der Lagerungsfristen vernichtet worden. Sie wurde jedoch als beliebt und sehr freundlich geschildert.

Alexander, Fritz, Paul, Heinrich, Käthe und Anna Griebel (v.l.n.r.), um 1912. Foto: Archiv Prof. Fritz Griebel-Nachlassverwaltung, Oberrüsselbach

Griebel, der in seiner mittleren Werkphase oft Menschen aus seinem familiären Umfeld porträtierte, malte seine 33-jährige Schwester Anna als Kniestück im Seitenprofil auf einem grüngemusterten Sofa oder auf einem Sofa liegenden Decke sitzend, eine rot, Ton-in-Ton floral gemusterte Decke an ihr angrenzend. Ihre braunen Haare hat sie zu einem lockeren Haarknoten zusammengebunden; einzelne wellige Strähnen sind zu erkennen. Ihr Kopf ist nach links geneigt. Ernst und konzentriert ist ihr Blick. Ihre Nase ist ausgeprägt, der Mund mit den schmalen Lippen geschlossen.

Sie trägt eine weiße Spitzenbluse und einen langen gelblichen Rock. Eine lange orangefarbene Kette ist Anna Griebels einziges Accessoire. Die nackten Oberarme liegen auf ihrem Schoß auf, die leicht verschatteten Hände ineinander verschränkt. Der Hintergrund gibt den Blick auf eine weiße bis ins Bläuliche changierende kahle Wand frei.

Nicht nur die leichten, sommerlichen Stoffe Anna Griebels vermitteln den Eindruck eines sommerlichen Tages, sondern auch die im Komplementärkontrast gemalten Decken bzw. Sofaüberzug tragen mit ihren floralen Mustern hierzu bei. Griebel brauchte keinen Blumenstrauß, um Sommerfrische nachzuempfinden.

Henri Matisse: Sitzende Frau/Frau im Sessel, um 1924, Öl/Lwd. Quelle: Deutsche Welle (DW), 22.11.2013, © Staatsanwaltschaft Augsburg.

Farbwahl und Motiv stellen erstaunliche Bezüge zu dem Bildnis Sitzende Frau/Frau im Sessel von Henri Matisse (1869–1954) her, welches als erstes Bild der Sammlung-Gurlitt, die nationalsozialistische Raubkunst ist, an die Erben von Paul Rosenberg 2015 restituiert wurde. Cornelius Gurlitts (1932–2014) Vater, Hildebrand Gurlitt (1895–1956), hatte das Bild 1953 vom Pariser Kunsthändler Raphael Gerard angekauft. Griebel dürfte das Bild nicht gekannt haben.

Während das Porträt des Franzosen fast schon im Dekor von Bluse, Kopftuch und Wand aufzugehen scheint, ist das dekorative Element bei Griebel wesentlich reduzierter. Anna Griebel ist der Mittelpunkt des Bildes, weshalb der Bruder ihre Gesichtszüge und Hände – beides individuelle Merkmale eines Menschen –, deutlich realistischer, in der Tradition des späteren 19. Jahrhunderts stehend, malte.

Anna Griebel: Paramente, 1937, St.-Johannes-Kirche, Kirchweih in Neunhof, Entwurf und Ausführung. Fotos: Peter Griebel 2018

Griebel malte seine Eltern primär als Repräsentanten eines gehobenen Bürgertums. Die Bildnisse sind gemäß der protestantischen Ethik karg gehalten. Die Eltern sind pietätvoll und distanziert dargestellt im Stil des späten 19. Jahrhunderts. Ganz anders interpretierte Otto Dix (1891–1969) seine Eltern. Sie sitzen auf dem Rand eines abgenutzten Sofas. Seine Eltern sind als Vertreter des Proletariats dargestellt. Sie sind alt und abgearbeitet, was sich nicht nur in den faltigen Gesichtern, sondern auch in den übergroßen Händen offenbart. Dix malte das Doppelporträt im Stil der Neuen Sachlichkeit, mit dem oft sozialkritische Themen dargestellt wurden. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 endete diese Kunstströmung. Griebels Diptychon dient keiner sozialkritischen Befragung. Es zeigt auf ferne und nahe Weise die Charaktere der Eltern. Ihre Mimiken sind ernst und würdevoll. Die dunkle Kleidung wirkt fast wie ein Käfig. Doch das sanfte Lächeln der Mutter bricht aus dieser Strenge heraus.

Fritz Griebel (Entwurf ), Anna Griebel (Ausführung): Parament, 1937, St.-Johannes-Kirche, Kirchweih in Neunhof. Fotos: Peter Griebel 2018

Anna Griebel blieb ihr Leben lang unverheiratet und kinderlos. Ihre Eltern, der evangelische Geistlicher Georg Peter Griebel (5.8.1861–19.12.1936) und Luise Griebel, geb. Rihm (29.11.1865–31.12.1936) hatten dies nach gutbürgerlicher Tradition beschlossen. Ihre älteste Tochter und erstes Kind hatte sich um die Pflege der Eltern zu kümmern. Fritz Griebels Bildnis seiner Schwester schildert sie als sittsame und zurückhaltende Frau. Ihr Blick in die Ferne sieht vielleicht einen anderen Lebensweg, den sie nicht beschreiten durfte.

 

 

Antje Buchwald 2018

Kunsthistorikerin

 

Literatur:

www.slb-law.de/de/aktuelles/kunstrecht/gurlitt-restitution-matisse-liebermann.html (letzter Abruf 11.04.2018)