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Frau mit Blumen

Entstehungsjahr: 1935
Material: Rötel/Papier
Maße: 48 x 63 cm
FG 0715

Das Sujet ,Blumen und Frauen‘ durchzieht die Kunstgeschichte. Der symbolische Gehalt der Blumen wird dabei auf die Dargestellte übertragen. In dem Andachtsbild Paradiesgärtlein aus dem 15. Jahrhundert sitzt Maria, ein Gebetbuch lesend, im Paradies, umgeben vom musizierendem Jesuskind sowie Engeln und Heiligen. Umfangen wird der Garten mit seinen botanisch und zoologisch präzise wiedergegebenen Pflanzen und Vogelarten von einer Mauer. Das Motiv des hortus conclusus (lat. geschlossener Garten) war eines der Hauptthemen spätmittelalterlicher Glaubenswelt, symbolisiert es doch die Jungfrauengeburt des Kindes.

Oberrheinischer Meister: Paradiesgärtlein, zwischen 1410 und 1420, Tempera/Holz, 26,3 x 33,4 cm. Städel Museum, Frankfurt am Main, Inv. Nr.: HM 54 (Quelle: The Yorck Project, 2002; Wikimedia Commons)

Die diversen Blumen gehören zu den marianischen Symbolen. So symbolisiert beispielsweise die Madonnen-Lilie Reinheit, Keuschheit und die unbefleckte Empfängnis; die dornenlose Rose bezieht sich auf eine alte Legende, wonach diese Blume vor dem Sündenfall der Menschen keine Dornen hatte, Maria, von der Erbsünde bewahrt, wurde „Rose ohne Dornen“ genannt; die Akelei bezieht sich auf Marias Demut und ihre wunderbare Mutterschaft; und das frühblühende und wohlriechende Maiglöckchen mit seinen weißen nickenden Blüten symbolisiert die keusche Liebe und Demut Marias.

Griebels exquisite vertikale Kreidezeichnung zeigt wenige Bildobjekte: einen Blumenstrauß und ein Büstenporträt einer nackten Frau, die aus dem Bildrahmen ragt. Betrachten wir uns zunächst die Frauendarstellung. Sie ist Zeugnis von Griebels Antikenrezeption, die er in eine moderne, symbolische Bildsprache überführte. Wie gemeißelt heben sich die lange, ebenmäßige Nase und Mund aus dem ovalen Gesicht hervor. Die mandelförmigen Augen, deren Lider leicht nach unten gezogen sind, blicken melancholisch in die Ferne. Dunkle, leicht gewellte, längere Haare scheinen sich am Kopf mit den Schattenzonen im Gesicht, Hals und Schulter zu verschmelzen. Ein großes, leicht spitz zulaufendes Ohr, ebenfalls verschattet, blitzt auf.

Ferdinand Léger: Three Women, 1921–22, Öl/Lwd., 183,5 x 252,5 cm. Museum of Modern Art, New York, Inv.Nr. 189.1942 (Quelle)

Der Körper ist fragmentiert. Er changiert zwischen Skulptur und idealer anthropomorpher Darstellung. Das Inkarnat ist einer Skulptur verwandt weiß. Auffällig sind die fast kreisrunden Brüste, die stilistisch von Ferdinand Légers (1881–1955) angeregt sind. Beeinflusst vom analytischen Kubismus, entwickelte er einen von Maschinenformen ausgehenden großflächigen Stil mit breiter Konturierung und leuchtendem Kolorit. Auch im Aufbau der Gesichtszüge und Frisur sind Anklänge bei Griebel zu beobachten.

Die weibliche Figur vor einer hellblauen Farbfläche wird von einem schwarzen Rahmen, der oberhalb leicht schräg ist, eingefasst. In Schulterhöhe sprengt die Figur jedoch ihren begrenzten Raum und scheint aus ihn hinaus zu schweben – ein surrealer Moment.

Der Blumenstrauß vor einem blassrosa Hintergrund ist nicht üppig. Nur drei Tulpen sowie ein Blätterzweig schweben locker auf dem Bildgrund. Die blassroten und rosafarbenen Tulpenblüten sind einmal geschlossen und einmal erblüht. Die blühende rote Tulpe offenbart zwei stilisierte, runde, weiße Narben, die mit der weiblichen nackten Brust der Frauenfigur korrespondieren. Links schweben zwei einzelne Tulpenblütenblätter und ein Staubgefäß einer ansonsten nicht mehr vorhandenen Blume zu Boden.

Stele Giustiniani, um 460 v. Chr., Paros. Antikensammlung Berlin, Altes Museum. Foto: Sailko. (Quelle)

Die Tulpe hat eine bedeutende kulturhistorische Bedeutung. Die Tulipan (türk. tülband = Turbanband) kam um die Mitte des 16. Jahrhunderts aus der Türkei nach Mittel- und Westeuropa. Sie wurden im Mittleren Orient über Jahrhunderte kultiviert, altpersische Schriftzeugnisse datieren ins 9. Jahrhundert. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts gelangten Tulpenzwiebeln nach Holland, das bis heute Zentrum der Tulpenzucht ist. In gehobenen Kreisen wurde sie zum Spekulationsobjekt, die berühmte Tulpomanie entstand. Nach dem Börsencrash 1637 – der ersten Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte –, sollte sich der Handel wieder normalisieren.

Symbolisch steht die Tulpe für Vergänglichkeit und Tod. Die herabfallenden Blütenblätter werden auf Stillleben seit dem niederländischen Barock gemalt und gemahnen den Betrachter als Vanitassymbol an die Vergänglichkeit aller irdischer Pracht.

Griebels surreale Kreidezeichnung verweist nun auf mehrere Deutungspotentiale: Das Ideal der antiken Welt (Skulptur) ist Vergangenheit und als solche nicht mehr herstellbar. Was bleibt ist eine sentimentalische Rückbesinnung. Oder: Die Frauenfigur beklagt eine verlorene oder unerfüllte Liebe und blickt wehmütig ins Leere. Eine dritte Lesart wäre: Das Bild ist eine freie Interpretation antiker Grabkunst. Auf Grabstelen wurden Verstorbene im Relief dargestellt. So zeigt die Stele Giustiniani ein junges Mädchen im Profil mit gesenktem Kopf, einen Peplos tragend und eine Pyxis in der Hand haltend. Die Schönheit der Dargestellten verweist auf das gerade erblühte, aber auch schon wieder beendete Leben. Nicht zu übersehen ist die sexuelle Note der Kreidezeichnung. Denn auf die – bei Griebel sogar doppelte – Blütennarbe fällt der Pollen bei der Bestäubung. Leben, Begehren und Vergehen sind im ständigen Fluss.

 

Antje Buchwald, Kunsthistorikerin
2018

Literatur
Marianne Beuchert: Symbolik der Pflanzen – Von Akelei bis Zypresse. Frankfurt am Main 1995.