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Holstentor in Lübeck

Enstehungsjahr: 1935
Material: Aquarell auf Papier
Maße: 44 x 55 cm

Das Holstentor („Holstein-Tor“) in Lübeck ist neben dem Kölner Dom oder der Liebfrauenkirche in München das bekannteste Wahrzeichen Deutschlands. Es zierte als Stich von der Westansicht die Rückseite der von 1958 bis 1992 produzierten 50-DM-Scheine. Heute ist es auf den Zwei-Euro-Münzen geprägt. Es ist das Firmenlogo eines Marzipanherstellers und vieles mehr. Auch Künstler zog es immer wieder in seinen Bann: Edvard Munch (1863–1944) hielt es 1903 und 1907 als Radierung fest (Berliner Nationalgalerie) und der Pop-Art-Künstler Andy Warhol (1928–1987) fertigte 1980 nach einer Fotografie von Christopher Makos eine Siebdruckserie an, die zur Werkreihe German Monuments gehören (Holstentor in leuchtendem Pink, Kunsthalle St. Annen, Lübeck). Und Horst Janssen (1929–1995) zeigte 1980 das Holstentor in wilder Auflösung.

Rückseite 50-DM-Note. Quelle: www.wikipedia.org

Gebaut im 15. Jahrhundert aus Furcht vor Angriffen mit schlagkräftigen Schusswaffen auf die reiche Hansestadt, sollte jedoch keine einzige Kanone aus seinen Türmen abgefeuert werden. Das über die Jahre mehrmals restaurierte spätgotische Holstentor aus Backstein gehört zu den Überresten der Lübecker Stadtbefestigung und ist neben dem Burgtor das einzige erhaltene Stadttor. Es stand in einer Reihe mit drei weiteren Holstentoren, die im 19. Jahrhundert abgerissen wurden.

Fritz Griebel aquarellierte das Holstentor 1935 von Westen (Feldseite) in Richtung auf die Altstadt, links sind die Doppeltürme der Marienkirche zu sehen. Seine Stadtansicht wirkt perspektivisch leicht verschoben. Den Aufbau des Bauwerks lässt uns Griebel in seinem Bild jedoch mitverfolgen: Der vierstöckige, mit einem Giebel versehene Mittelbau, der das Tor ist, wird von einem Süd- und einem Nordturm mit kegelförmigen Dächern flankiert. Im Hintergrund des Mittelbaus ist der Turm der Petrikirche zu sehen. Zur Feldseite, das heisst stadtauswärts, sind die Gebäudeteile deutlich voneinander abgesetzt. Bei Griebel verschmelzen sie jedoch zu einer Fläche.

Fast schon expressiv wirkt die ungewöhnliche Perspektive des Gebäudes. Die diagonal leicht verschobene Ansicht der Straße mit ihren Staffagefiguren unterstütz diesen Eindruck. Die horizontale Einteilung des Holstentores – gekennzeichnet durch freigelassene weiße Linien – wiederholt sich in der Straße bzw. Fußweg.

Neben der Form ist es vor allem die exquisite Farbwahl von warmen und kalten Farben – Rot, Grün und Blau, die wesentlich zur Stimmung des Bildes beitragen. Sie scheinen das Holstentor in eine jenseitige Sphäre zu entrücken. Es wird von dem blau-braunen Himmel kontrastiert, dessen Farbverlauf sich im Boden widerspiegelt und so das Holstentor und Marienkirche umfängt. Entstanden wohl als Reiseimpression ist Griebels Holstentor mehr als eine Erinnerung. Es ist ein ,Kunststück‘ geworden.

 

Antje Buchwald 2018

Kunsthistorikerin