Sie befinden sich hier: Werk / Grafiken / Märchenbaum

Märchenbaum

Entstehungsjahr: 1920
Material: kolor. Holzschnitt/Japanpapier
Maße: 10, 5 x 14,5 cm

Der Märchenbaum
Wenn du an Märchen, Mythen und Sagen glaubst und dich daran
erfreuen kannst, dann wirst du ihnen auch begegnen.
Dem Märchenbaum.
Es ist eine uralte Eiche mit einer weitverzweigten Krone.
Legst du dich in ihren Schatten, schließt die Augen und hörst ganz
genau hin, dann kannst du ihn erzählen hören.
Von Prinzen und Prinzessinnen.
Von guten und bösen Feen.
Aber auch von Teufeln und machtgierigen Zauberern.
Ja, der Märchenbaum kennt sie alle.

Manfred Sacherer: Ein Märchenbaum erzählt. Leipzig 2014, unpag.

Im Alter von einem 21 Jahren stellte Fritz Griebel diesen im Handdruck-Verfahren hergestellten Holzschnitt her. Für 25 Goldmark, das entspricht etwa 200 Euro, bot er ihn zum Verkauf an. Dieses Frühwerk, was erst kürzlich entdeckt wurde, ist ein nicht zu unterschätzendes Dokument für Griebels frühe (Illustrations-)Kunst. Der Schiestl-Schüler sollte 1921 mit Illustrationen in Form von holzgeschnittenen Schattenrissen zu Wilhelm Stählins Im Kreis des Tages die Kritik begeistern. Und nur ein Jahr später erschien die Ausgabe von Gottesgarten, ein Büchlein, in dem der junge Griebel alte Liedtexte mit Scherenschnitten illustrierte. 1922 sollte er dann sein Studium in Berlin fortsetzen.

Oberrheinischer Meister: Paradiesgärtlein, um 1410/20, Mischtechnik/Eichenholz, 26,3 x 33,4 cm, Städel, Frankfurt am Main. Quelle: The Yorck Project (2002)

Auf dem kleinen Blatt erhebt sich vor einem schwarzen Hintergrund mit gelben Sternen eine große Blume, aus deren Stängel sechs fast spiegelsymmetrische geschwungene, zierliche Stängel erwachsen, an deren Enden stilisierte blaue Glockenblumen blühen. In der Mitte des Stängels hängt ein Kranz.

Auf einer Blumenwiese sitzt eine in einem langen lilafarbenen Kleid und mit einem Reiseumhang bekleidete Frau. Vor ihr sitzen zwei kleine Kinder auf einer Bank und blicken sie an; neben den Kindern sitzt ein größeres Mädchen auf der Wiese und schaut ebenfalls zu der Frau hin. Zwei geschwungene Banderolen umfangen und akzentuieren die Szene und lassen an einen Hortus conclusus denken, einem eingefriedeten Garten mit Maria. Die Frau hat ihre Hände gestikulierend erhoben und erwidert die Blicke der Kinder. Es ist eine Märchenerzählerin, die abends den Kindern Märchen erzählt. Gebannt scheinen sie ihr zu lauschen.

Illustriertes Titelblatt des ersten Bandes der zweiten Auflage von 1819. Quelle: www.wikipedia.org

Sie erzählt die Märchen Rotkäppchen, Brüderchen und Schwesterchen, Die sieben Raben, Die Sterntaler, Marienkind sowie Hänsel und Gretel. Die Märchenfiguren sitzen, stehen oder gehen auf den Blumenstängeln.

Alle Märchen stammen aus den Kinder- und Hausmärchen von Jakob und Wilhelm Grimm. Auf Anregung der Romantiker Clemens Brentano (1778–1842), Achim von Arnim (1781–1831) und Johann Friedrich Reichardt (1752–1814) sammelten sie ursprünglich für deren Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn ab 1806 Märchen aus ihrem Bekanntenkreis und aus literarischen Werken. Zunächst aus reinem volkskundlichen Interesse heraus gesammelt, erhielten die Märchen jeweils märchenkundliche Kommentare. Wilhelm Grimm überarbeitete die Märchentexte sprachlich und prägte bis heute den Buchmärchenstil.

Märchen (mhd. mære = „Kunde, Bericht, Nachricht“) sind fantastisch-epische, Wundervorstellungen einbeziehende volkstümliche Prosaerzählungen nach mündlicher Überlieferung. Das Kunstmärchen hingegen ist eine bewusste Schöpfung eines Autors, wie zum Beispiel die Märchen von Hans Christian Andersen (1805–1875). Viele Märchen haben sozialrealistische oder sozialutopische Strukturen und thematisieren gesellschaftliche Bedingungen wie Herrschaft und Knechtschaft, Armut und Hunger. Und am Ende siegt das Gute (oft das Kind oder eine schwache Figur) über das Böse.

Die Stilprinzipien des Märchens, das Fantastische und das Volkstümliche, greift Fritz Griebel in seinem kleinen Bild auf und verleiht ihnen eine besondere Kunstsprache. Das Motiv der Blume als fantastisches Element taucht in seinem Frühwerk des Scherenschnitts häufig auf. Es stammt aus dem kleinen Schnittwerk des Kindes Rudolf Wilhelm von Stubenberg (1643–1677), welches in der Forschung noch bis Anfang der 1990er-Jahre fälschlich als „Rudolph Wilhelm Herr von Stubenberg“ bezeichnet worden ist.

Rudolf Wilhelm von Stubenberg Stubenberg: Zauberwald, undat., Weißschnitt, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg (S 151). Aus: Knapp 1916, S. 16.
Fritz Griebel: Heilige Familie unter einer Lilie, 1919/20, Scherenschnitt, Tonpapier, Transparenzpapier, 13 x 10 cm. FG 2127
Fritz Griebel: Kämpfende Einhörner, 1919/20, Scherenschnitt, Glanzpapier, Transparenzpapier, 10 x 11 cm. FG 2132

Griebels Figuren sind einfach gezeichnet, fast schon roh aus dem Holzstock geritzt. Seinen Figuren ist nichts Süßliches eigen. Es ist eine einfache, volkstümliche Sprache, die von jedem, ob Kind oder Erwachsener, lesbar ist. Griebel lädt uns in die fantastische Welt des Märchens ein, lässt uns träumen und nachdenken.

Das religiöse Element, veranschaulicht in der sitzenden Maria mit dem Heiligenschein und dem Jesuskind auf dem Schoß, war Griebel in seiner Kunst immer sehr wichtig. Hier nimmt die Mutter Gottes Bezug auf das heute eher weniger bekannte Märchen Marienkind, in dem die Jungfrau Maria, „eine schöne große Frau […], die hatte eine Krone von leuchtenden Sternen auf dem Haupt“, ein dreijähriges Mädchen eines Holzhackers bei sich in den Himmel aufnimmt und dort „Zuckerbrot“ und „süße Milch“ sowie goldene Kleider erhält. Nach 14 Jahren geht Maria auf Reisen und lässt dreizehn Schlüssel da, wovon einer verboten ist. Das Mädchen benutzt jeden Tag einen und freut sich mit den Engeln über die zwölf Apostel, von denen jeder in einem Zimmer sitzt. Dann öffnet Marienkind die dreizehnte Tür, sieht die Dreieinigkeit und berührt den Glanz, wovon der Finger golden wird. Maria sieht das, nimmt Marienkind die Sprache und verstößt es auf die Erde, weil es nicht gesteht. Es lebt jämmerlich in der Wildnis in einem Baum. Ein König auf der Jagd findet und heiratet die Stumme. Sie bekommt drei Kinder, die Maria ihr wegnimmt. So halten sie die Leute für eine Menschenfresserin und drängen den König, sie verbrennen zu lassen. Auf dem Scheiterhaufen gesteht sie Maria den Verstoß, da erlischt das Feuer, Maria gibt ihr die Kinder und die Stimme wieder. Wer bereut, dem sei vergeben – so die Moral.

Märchen müssen für Fritz Griebel nicht unbedeutend gewesen, nicht nur als Illustrationskunst – immer wieder illustrierte er auch die zusammen mit seiner Frau Gertrud erfundenen Geschichten für seine Kinder Annette und Peter –, sondern auch als Ort einer anderen Welt, in der Hexen, Zauberer, Riesen, Zwerge und Fabeltiere leben. Aus dem Spannungsverhältnis zwischen Märchen, Mythen und christlichem Glaube erwächst Griebels Kunst.

 

Antje Buchwald 2019
Kunsthistorikerin

 

Literatur:
Ilse Bang: Die Entwicklung der deutschen Märchenillustration. München 1944.
Martin Knapp: Deutsche Schatten- und Scherenbilder aus drei Jahrhunderten. Mit dreihundert meist noch nicht veröffentlichten Bildern. Gesammelt und herausgegeben von Martin Knapp. Dachau o. J. [1916], S. 16.
Marienkind: In: Gebrüder Grimm: Deutsche Volksmärchen. Märchen europäischer Völker, Bd., IV., S. 17–22, Zitate S. 17.
Heinz Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm. Eine Einführung. Stuttgart 2004.