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Segelboote in Chioggia

Enstehungsjahr: 1952
Material: Aquarell auf Papier
Maße: 44 x 55 cm
FG 0450

Immer wieder zog es Fritz Griebel nach Italien. 1952, Griebel war 53 Jahre alt, entstand dieses Schiffsporträt zweier Segelboote mit eingezogener Takelage in Chioggia, einem Seehafen in der Region Venetien. Wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Metropolitanstadt Venedig hat die auf Holzpfählen errichtete, im Süden der Lagune von Venedig liegende Stadt, den Beinamen „Klein-Venedig“.

Abstrahierend baute Griebel die Segelboote aus vertikalen und horizontalen Linien, aus Recktecken, Quadraten und Dreiecken auf. Im Hintergrund sind Häuser und etwas Vegetation zu erkennen. Die Komposition wird maßgeblich von der weißen Papierfläche und dem Farbfeld der Segelboote bestimmt. Kein blauer, maritimer Himmel, kein blaues Wasser, in dem sich das Sonnenlicht reflektiert. Das Wasser, indem sich die Boote spiegeln, ist nur mit einen langen, dicken, leicht verlaufenden bläulich-grünen Pinselstrich angedeutet. Und dennoch schafft Griebel mit diesen reduzierten malerischen Elementen eine mediterrane Atmosphäre.

Hendrick Cornelisz. Vroom (um 1563–1640): Niederländisches Schiff und Fischerboot in frischer Brise, zw. 1628 und 1630, Öl/Kupfer, 18,4 cm x 24,4 cm, National Maritime Museum, Greenwich. Quelle: https//commons.wikipedia.org

So prüde, wie die Gesellschaft damals war, war auch das Strandleben. Gebadet wurde getrennt nach Geschlechtern – die meisten hielten sich an die Regel der Engländer: „Three dips and out“. In Preußen versuchte man noch 1932, als das Sonnenbaden in Mode kam und der Badeanzug in den USA aufkam, mit dem „Zwickelerlass“ anstößige Kleidung zu verbieten – Badeanzüge und -hosen mussten einen Zwickel haben.

In der Kunstgeschichte hat das Strandbild, das bedeutet die Darstellung des Wirkungsbereichs der an Wellen liegende Teil einer Küste, auch der von See- und Flußstränden, seit der Antike Tradition. Aber erst im 17. Jahrhundert bildete sich in der niederländischen Landschaftsmalerei das „strandgezicht“ als eigene Bildgattung heraus. Es ist eine ,Hybridgattung‘ zwischen Landschaft und Seestück.

Caspar David Friedrich: Die Lebensstufen, um 1834, Öl/Lwd., 72,5 cm x 94 cm, Museum der bildenden Künste, Leipzig. Quelle: https//commons.wikipedia.org, The Yorck Project (2002).
William Turner: Die kämpfende Temeraire, 1839, Öl/Lwd., 90, 7 cm x 121, 6 cm, National Gallery, London. Quelle: https//commons.wikipedia.org

<br/>Schiffsdarstellungen tauchen unter symbolisch-allegorischen Aspekt in christlich-thematischen Zusammenhängen oft als Boot oder auch als größeres Schiff auf: „Jonas und der Waal“, „Petrus‘ Fischzug“ oder „Christus während des Schiffssturm schlafend im Schiff“. Das Schiff kann auch eine Allegorie der Kirche und der Gläubigen im Seesturm sein. Mit der Entwicklung der Seefahrt, besonders seit dem ausgehenden Mittelalter, sind maritime Ereignisbilder häufig. Sie zeigen Darstellungen von Werften, der Ausreise und Schiffe in Seenot, gestrandete Wracks. Insbesondere in den Niederlanden erfuhr das Seestück im 17. Jahrhundert im „Goldenen Zeitalter“ eine Blüte.

Wassily Kandinsky: Komposition VIII, 1923, Öl/Lwd., 140 cm x 201 cm, Solomon R. Guggenheim Museum, New York. Quelle: https//commons.wikipedia.org

Griebel schuf mit diesem Bild keine Allegorie des Lebens, wie Caspar David Friedrich (1774–1840). Ihn interessierte auch nicht die atmosphärische Wiedergabe von Licht, Luft und Wasser wie zum Beispiel William Turner (1775–1851) – ihn trieb etwas ganz anderes an: die Transformation der bildlichen Repräsentation in abstrahierende Flächen und Formen. In Griebels Segelbooten spiegelt sich die geometrische Strukturen auf Bildern Wassily Kandinskys (1866–1944) wider, einer der Wegbereiter des Expressionismus und abstrakter Kunst.

Antje Buchwald 2019

 

Literatur:
Das Schiff in der bildenden Kunst. Ausst.Kat. Altona 1966.
U. Weber: Schiff. In: LCI. Lexikon der christlichen Ikonographie. Rom u.a. 1994, Bd. 4, Sp. 61–Sp. 67.