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Fischerboote auf Capri

Enstehungsjahr: 1933
Material: Rötelzeichnung
Maße: 46 x 60 cm
FG 2446

„Man kann sich auch in dieser Beziehung keinen größeren Gegensatz denken als Capri und Neapel. Die einfache Menschenwelt Capris kommt mir fast wie ein unverdorbenes Urvolk vor. Dank sei den steilen, rauhen Felsen, die wie eine unübersteigliche Mauer das Klippeneiland von allen Seiten umgürten und abschließen. Dank den steilen, beschwerlichen, steinigen Treppenpfaden, die den kleinsten Weg nicht ohne mühevolle Anstrengung zurücklegen lassen, dank der ärmlichen, alles Komforts entbehrenden Lebensweise und der anspruchslosen Einrichtung der nur für Künstler berechneten beiden kleinen Gasthäuser; – der große, alles verderbende Schwarm der Touristen und Engländer geht hier noch spurlos vorüber – nachdem sie pflichtmäßig in einer Stunde die Blaue Grotte besucht, kehren sie möglichst rasch wieder nach Neapel zurück und wissen dann von der eigentlichen wunderbaren Naturschönheit des Inselkleinods so viel wie vorher; – aber sie können mit beruhigtem Gewissen erzählen und in ihr Tagebuch schreiben, dass sie in der Blauen Grotte gewesen; und doch ist diese nur eine einzige von den vielen hundert großartigen Naturschönheiten, die hier in wunderbarer Fülle auf kleinstem Raum zusammengedrängt sind.“<br/>Ernst Haeckel

Postkarte: Panorama di Capri, preso dal Castello Barbarossa. Stengel & Co., Dresda e Berlino 1935. Verso: Cartolina Postale Italiana. Nicht gelaufen.

1933 reiste Fritz Griebel nach Neapel und Capri, einer italienischen Felseninsel im Golf von Neapel. Capri zog seit dem 18. Jahrhundert zahlreiche bildende Künstler und Literaten als Winter- und Ferienquartier an – darunter Claude Debussy (1862–1918), Rainer Maria Rilke (1875–1926), Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1913), Maxim Gorki (1868–1936), Filippo Tommaso Marienetti (1876–1944), Francis Bacon (1909–1992), Oskar Kokoschka (1886–1980), Joseph Beuys (1921–1986). Gerne stiegen deutsche Künstler und Schriftsteller im „Hotel Pagano“ – heute „Hotel La Palma“ – ab. Gleich nebenan war das sehr beliebte Lokal „Zum Kater Hiddigeigei“, das 1873 nach dem Versepos von Joseph Victor von Scheffels (1826–1886) „Der Trompeter von Säckingen“ umbenannt wurde, welches er im „Hotel Pagano“ vollendete. Der Industrielle Friedrich Alfred Krupp (1854–1902) hatte um die Jahrhundertwende einen Serpentinenweg, die „Via Krupp“, in die felsige Südküste der Insel schlagen lassen, als schnellere Verbindung von seinem Hotel zur „Marina Piccola“.

Capri wurde zum Klischeebild der Reisenden aus dem kühlen Norden. Die schroffen, steilen Felsen, enge Gassen und die kleine Piazza als erweitertes Wohnzimmer und Bühne zur Selbstdarstellung, prägten das Bild vom „dolce vita“. Und überall entzückten malerische Motive das Auge.

Capri. Marina Grande. G. Sommer – Napoli. Nr. 5285. Altes Foto.
Postkarte: Capri veduta dal mare. Verso: 65464 Edit. Domenico Trampetti, Napoli. Nicht gelaufen.


Fritz Griebel, der Protestant aus Heroldsberg, interessierte diese Selbstdarstellung mit Sicherheit nicht. Es muss eher die Abgeschiedenheit einer Insel, das milde Klima und die Schönheiten der Natur gewesen sein. Capri war nur eine Perle von weiteren, in der Nähe liegenden kultur- und kunsthistorischen Haltepunkten: Der Vesuv und der Golf von Neapel, Sorrent, die griechischen Tempeln von Paestum oder die einzigartigen Ausgrabungen von Pompeji und Herculaneum.

In seinem Strandbild konzentrierte er sich ganz auf die an Land gezogenen Fischerboote vor der Felslandschaft. Einzig aus dem Kontrast der braunroten Kreide und weißer Leerflächen konstituierte er die Zeichnung. Von einem leicht erhöhten Betrachterstandpunkt aus blicken wir auf die Rümpfe der Boote, die mit ihrer vom Menschen gemachten gleichmäßigen Form im Gegensatz zu den von den Naturkräften hervorgebrachten Felsen stehen. Zwei Fischer im Hintergrund begutachten oder hohlen etwas aus einem Boot. Es ist der Einklang der Natur mit dem Menschen, den Griebel hier veranschaulichte. Das einfache, harte Leben der Inselbewohner zeigte auch er nicht.

 

Antje Buchwald 2019

 

Literatur
Ernst Haeckel: Italienfahrt. Briefe an die Braut 1859/1860. Leipzig 1921. Brief aus Capri, 16.8.1859, S. 86–92, Auszug S. 87-91. Quelle: www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/goethe-italien/weitere-orte-europaeischer-italienreisender/capri-3.html; letzter Zugriff 19.05.2019
Ruth Negendanck/Claus Pese (Hg.): Zauberinsel Capri. Auf den Spuren deutschsprachiger Künstler. Köln 2018.

Alle Abbildungen aus Capri: www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/goethe-italien/weitere-orte-europaeischer-italienreisender/capri.html