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Komposition aus Zeichen und Formen

Enstehungsjahr: 1919/20
Material: Scherenschnitt auf Papier mit Tuscheformen
Maße: 52 x 38 cm
FG 2289

Die Anbetung des Jesuskindes durch die Heiligen Drei Könige ist ein seit dem 3. Jh. ein bekanntes Der Scherenschnitt ist längst kein verstaubtes Kunsthandwerk mehr. Unter der Bezeichnung ›Cut out‹ erfährt er seit den 1990er-Jahren international eine Renaissance. Er ist nun kein intimes Andachtsbild mehr, sondern wird raumgreifend als Installation oder Objekt.

Fritz Griebel gehört zu den Wegbereitern des modernen Scherenschnitts. Seine ersten Schnitte datieren in die 1920er-Jahre, als der Scherenschnitt in der Grafik eine breite Resonanz erfuhr. Angeregt durch mehrmalige Reisen nach Italien ab den 1930er-Jahren, entwickelte er aus dem Formengut der Antike eine innovative Bildsprache, die er später auch in seine Malereien anwendete. Er avancierte zum Kenner der Geschichte der Schnittkunst und stand mit den wenigen damaligen Experten und Expertinnen in Kontakt.

Dieser heitere Schwarzschnitt aus dem Spätwerk ist auf wenige Formen begrenzt, die Griebel äußerst geschickt aus der Papierfläche schnitt, um eine harmonische Komposition zu erreichen. Die in Aufsicht aus drei Blütenblättern bestehende Blüte zieht unsere Blicke zu erst an, da sie bis auf den negativen Blütenstempel aus einer homogenen schwarzen Papierfläche besteht, während die anderen Formen mit Negativschnitten durchbrochen sind.

Boiotisches Glockenidol als Puppe (Rekonstruktion), Terrakotta. Freie Universität, Berlin, FU, IV 410. Inv.-Nr. 38/04 (Quelle: www.archane.dainst.org)

Unter der Blüte fügen sich zwei untereinander liegende Fische an. Neben der Blüte schwebt oder tänzelt eine stark stilisierte weibliche Figur, deren Kopf an einem horizontal liegenden Idol hängt, über dem eine weitere Blüte ist, die das Glockenidol zusammen mit der großen Blüten begleiten.

Idole, das heisst abstrakt anthropomorphe, überwiegend kleine Figuren, waren bei den Völkern des Altertums unterschiedlich ausgeprägt. Ihre Funktion lässt sich meist über ihren Fundort (Gräber, Häuser, Heiligtümer) erklären. Ihnen wurden magische oder apotropäische Kräfte zugeschrieben. Sie besaßen Schutzfunktion oder spielten eine Rolle bei Initiationsriten. Keineswegs handelt sich bei Idolen immer um eine Darstellung von Göttern, wie man lange glaubte.

Griebels Schnittbild vereint mit dem heidnischen Idol und dem Fisch, einem Symbol der Urchristen, antike und christliche Zeichen. Es sind Urformen – Archetypen eines kollektiven Unbewussten. Es ist eine auf »archetypische Chiffrierung des Sichtbaren zielende Symbolsprache«, die Griebels Werk auszeichnet.

 

Hinweis:
Neuerscheinung im Verlag J. H. Röll:

Antje Buchwald: Fritz Griebel. Scherenschnitte | Papercuts. 1920–1960. Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg. Dettelbach 2019
Mehr Informationen

Antje Buchwald 2019

 

Literatur:

Stephanie-Gerrit Bruer: Idole – Eine kurze Einführung. In. Max Kunze (Hg.): Götzen, Götter und Idole. Frühe Menschenbilder aus 10 Jahrtausenden. Ausst.-Kat. Winkelmann Museum, Stendal. Rupolding/Mainz 2010, S. 93.

Jutta Zander-Seidel: Menschenpaar. In: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg (Hg.): Anzeiger des Germanischen Nationalmuseum (1996), S. 224f. (Zitat)