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Die Nacht des kleinen Pierrots

Das Bild scheint zunächst nach dem strengen „Figur-Grund“- Prinzip gemalt zu sein.

Links oben, neben dem kleinen Pierrot, spielt sich etwas für Maler sehr Aufregendes ab: zwei flache Figuren sind hintereinander gestaffelt und doch wieder eine durchgehende Fläche. Fritz Griebel experimentiert mit der Erfindung des synthetischen Kubismus, er schafft einen flachen Raum, irritiert das Auge dann mit gestaffelten Flächen, die sich widersprüchlich benehmen.

Wenn man die linke Figur als Mann, die rechte als Frau deutet, dann steht der Mann vor der Frau, sein “Arm“ überschneidet ihre „Brust“. Seine „Hand“ aber verschmilzt mit ihrem „Kopf.“

Sein nach rechts abgewinkeltes „Bein“ hat eine Fortsetzung auf ihrem „Rock“ (weißer Rahmen im ersten Bild rechts). Sehr wahrscheinlich wurde diese Partie umgebaut, der blaue Grund hat die anfängliche Form beschnitten; das ist sehr reizvoll, den Hintergrund über Teile des Vordergrundes zu malen, aber so, dass er nicht über die Figur schwabbt, sondern eine veränderte Figur schafft und hinter ihr bleibt.

Die Pierrotfigur in dem Ring hat sich wohl auch, während des Malens, verändert, und die Farbflächen auf dem Ring, wie die im Grund scheinen noch in Bewegung zu sein.
 
Die „Nase“ des Pierrot ist eine geistreiche Irritation: Diese ockerfarbene Fläche hat selbst eine Nase, die aber in die Gegenrichtung schaut. Picasso hat 1907 damit begonnen, Frauennasen in die Gegenrichtung und Köpfe nach hinten zu verdrehen (in „Les Démoiselles d’Avignon“). Das war der „Simultané“, das heißt, gleichzeitige Ansicht von stattgefundenen Bewegungen.

Mit der „Nase“ des Pierrot geht F.G. noch weiter, er leistet sich einen Seitensprung, er setzt eine archaische Stele ein, die Nase wird zur ganzen Gestalt. Picasso hat nur verschiedene Augenblicke kombiniert. Hier werden die Sinnzusammenhänge traumwandlerisch umgestürzt.

Diese beiden Flächen sind quasi „Bilder im Bild.“ Sie greifen über die übrigen Bildzeichen weit hinaus. Es treten Symbole aus früheren Scherenschnitten mit suggestiver Farbintensität im Zentrum des Bildes auf. Das Zirkushafte und Verspielte kippt um in magisches Farblicht.

Durchbrüche und Augentäuschungen sind auf einmal zwingend vorgegeben, wie die Tanzgesten eines Schamanen.
Da werden die Figürchen und Punkte zu Echos, zu Begleitrhythmen.

Die mittlere Figur unten hat etwas Naives, Rührendes, eine Kasperle-Puppe drängt sich als Assoziation auf. Das liegt an der gestischen Form und dem Kindchen-Schema. Dabei muß sie, auf wackelige Weise, den Gegenpol zum Pierrot bilden und die wuchtige Bildmitte mittragen. Sie ist mit Zinnoberrot, Orange und Weiß vor allen übrigen Figuren ausgezeichnet

Berthold von Crailsheim