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Fritz Griebel: Die Berufung an die Akademie

Fritz Griebel fand auf Grund von Veröffentlichungen und Ausstellungen seit den späten 20er Jahren als herausragender Maler und Illustrator Beachtung.

Als sich die Stadt Nürnberg anschickte, eine Akademie der bildenden Künste zu errichten und das Professorenkollegium zu berufen, hatte man gute Gründe, ihn auszuwählen. Sein Lehrauftrag enthielt Landschftsmalerei und freie Graphik.

Gerade die künstlerische Grafik war das moderne Medium schlechthin. Fritz Griebel führte neben der Malklasse eine exquisite Druckwerkstatt.

Man erlernte den attraktiven Steindruck, die Lithografie, dazu Ätzradierung und Holzschnitt. Fritz Griebel hatte sich als Spezialist für Buchgestaltung und angewandte Grafik bewährt. Er förderte bei seinen Schülern die wachsame Beobachtung der neuen Entwicklungen in der Plakat- und Buchkunst -  mit besonderem Blick nach Osteuropa. Gleichzeitig lehrte er die Grundlagen der überkommenen Zeichen-, Druck- und Schriftkunst. 

Man vergisst heute leicht, welchen Stellenwert die Lithografie und die Radierung in der Kunst der 50er und 60er Jahre hatte, Picasso, Braque und Chagall hatten neue, faszinierende Verfahren entwickelt, und noch die Pop-Künstler druckten zunächst auf dem Stein. In Nürnberg wurde Michael Prechtl gerade durch seine Lithografien zur Legende.

Es ist kaum bekannt, dass er diesen Erfolg der Ausbildung bei Fritz Griebel verdankt, dass er zunächst abends in Griebels Werkstatt mit dem dort angestellten Drucker seine ersten, erfolgreichen Serien druckte und dass er Griebels Drucker zu sich holte, sobald er sich eine eigene Druckerpresse erworben hatte.

Dieser Tatbestand wurde geheim gehalten, auch vor Fritz Griebel, weil die Druckerei der Akademie keine kommerziellen Serien herstellen durfte. Bei aller Peinlichkeit unterstreicht diese Werkgeschichte die hohe Effektivität der künstlerischen Druckgrafik, auf die hin Fritz Griebel an die Akademie berufen worden war.

Dass er seine herausragende Scherenschnittkunst in seine Lehrtätigkeit überhaupt nicht einbeziehen konnte, muß erwähnt werden. Er entwickelte sie unbeirrt weiter, wobei sich aber das öffentliche Interesse von ihr weg zu anderen Ausdrucksformen wandte.

Die neu zu gründende Akademie der bildenden Künste Nürnberg war ein kühnes Projekt.

  1. positionierte sie sich neben der altehrwürdigen Akademie in München
  2. wollte sie die spezifische Tradition Nürnberger Grafik und bildender Kunst mit den modernen Ausdrucksformen verschmelzen.

 

Zu 1. Die Münchner Akademie

Die Münchner Akademie beanspruchte eine Monopolstellung in ganz Bayern. Bestenfalls Fachschulen für Kunstgewerbe oder Grafik durften auch in anderen Städten lehren. Nürnberg sah die Verkrustungen der „königlichen“ Akademie und erfuhr von den Krisen und Machtkämpfen dort.

Einige der Künstler, die als Professoren in Frage kamen, hatten im dritten Reich offizielle und damit ideologisch angepasste Großaufträge ausgeführt. Diese Karrieren bewirkten Anfeindungen aus den Reihen der Kollegen.

Dann waren die neuen Stile in der Akademie München nicht mit überzeugenden Künstler-Persönlichkeiten vertreten.

Von Anfang an gab es einen hochkompetenten   Verbindungsmann zwischen München und Nürnberg, Hans Wimmer. Er war der unbescholtene und hochgeschätzte Bildhauer in München mit öffentlichen Aufträgen, z.B. dem grandiosen Reiterstandbild vor der alten Burg in der Münchner Altstadt. Mit ihm pflegte Fritz Griebel eine lebenslange Freundschaft.

Hans Wimmer hatte gute Verbindungen zu den Professoren der Münchner Akademie und zu den wichtigsten Persönlichkeiten des Münchner Kulturbetriebes. Noch bevor Hans Wimmer an die Akademie Nürnberg berufen wurde, konnte er die Nürnberger bestens über München informieren.

Den Star-Architekten Sepp Ruf mit der Gestaltung der neuen Akademie zu beauftragen, war kennzeichnend für die Aufbruchstimmung in Nürnberg. Wie eine Provokation der schnörkelig-prunkvollen Münchner Akademie reihten sich die eleganten, weißen Flachbauten in den Kiefernwald neben dem Tiergarten.

Es fanden sich dort Künstlerpersönlichkeiten wie der Goldschmied Moritz und Hans Wimmer ein, in der Nachbarschaft Irma Göcke, die ein kultiviertes, verantwortungsvolles Bild des Künstlers und Lehrers verkörperten.

Ihnen gegenüber entwickelte sich das Lager der hemdsärmeligen, bierseligen und ironischen Professoren, die jede Form des noblen Auftretens verhöhnten, und die bald herausfanden, dass man die Haltung der Kollegen in der Nazi-Ära zur öffentlichen Zielscheibe machen konnte.

Die Schuldzuweisungen und öffentlichen Beschimpfungen der Rolle wegen, die ein Künstler im dritten Reich gespielt hatte, nahmen an der Akademie München 1969 tumultartige Formen an:  Künstlerkollegen benutzten die linken Studentenverbände, um in deren Flugblättern und Kampfschriften alte Rechnungen mit Rivalen zu begleichen ( z.B. Prof. Karl Caspar gegen Prof. Hermann Kasper, der für das Naziregime den prominenten Kongress-Saal in München ausgestaltet hatte, während Karl Caspar als „entarteter“ Künstler verfolgt wurde.)

Im Nürnberger Kollegium schwelten die Feindschaften und Enthüllungen ohne Tumulte, aber mit einer hässlichen Langzeithäme.

 

Zu 2. Die Nürnberger Tradition

Neben dem prominenten Expressionismus, der als „entartet“ von den Nazis ins Exil gedrängt war und nach 45 in Deutschland mit der Aura von Wiederstand und Entmiefung der Gesellschaft allgegenwärtig war, vertrat ein Teil der Nürnberger Künstler und Kulturpolitiker  den fraglosen Wert guten Handwerks in der Kunst. Die „Moderne“ lehnte die meisterhafte Zeichen- und Malkultur strikte ab. „Altmeisterlich“ wurde nach dem Krieg zum Spottwort in der Kunst. Fritz Griebel hatte sich als Zeichner und Maler einen hohen Grad an Meisterschaft erworben und vermittelte die Anstrengung des sich Übens an seine Schüler. Gerade mit den Merkmalen der traditionsbewussten Malkultur geriet Fritz Griebel in die Schusslinie der jüngeren Künstler und Journalisten.

Erst in den 90er Jahren getraute man sich allmählich, anerkennend von dem spezifisch fränkischen Hang zu sorgfältigem Handwerk bei Künstlern zu reden. Man hatte sich am Dripping und Informel etwas sattgesehen.

Als sich die Nürnberger Akademie installierte, war die sog. Freie Grafik ein zukunftsweisendes Feld. In den 50er Jahren dehnte sich der Wirkungsbereich der Buchillustration und Plakatkunst in ganz Europa aus und fand große Wertschätzung.

Die Pop-Art der 60er Jahre drängte die freie Grafik in die Nischen von Liebhabern und importierte fotografische Techniken in das Feld künstlerischer Grafik, das Maschinenverfahren Rotaprint löste die mühevolle Handarbeit mit dem Lithostein ab.

Die Vorgänge an und um die Akademien Nürnberg und München in den 60er Jahren habe ich als Student erfahren. Ich schildere meine Wahrnehmungen in dieser Zeit. Von den Verhandlungen und der Politik der Professoren-Kollegien sickerten nur Einzelheiten in die Malklassen. Sie waren in der Regel empörend für uns.

Heute muß ich einräumen, dass wir als Studenten die differenzierten Probleme des Akademiebetriebes nicht ermessen konnten.

Berthold von Crailsheim