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Die Entstehung der Malerei

Enstehungsjahr: 1946
Material: Öl/Leinwand
Maße: 110 x 92 cm

Fritz Griebel ist mit diesem Nachkriegsbild ein liebreizendes Porträt zweier Kinder gelungen als auch ein Bild über die Theorie des Kunst bzw. des Künstlers. Dargestellt sind die Kinder des Künstlers, Annette und Peter, vor einer blaugrauen Wand, auf der sich rote Kritzeleien befinden. Hinter dem Mädchen, das im Gegensatz zum Jungen frontal wiedergegeben ist, sind Holzklötze und Kegel aufgereiht. Im rechten Arm hält es eine wohl selbst gemachte Puppe, in der linken Hand ein Windspiel. Sein Körper ist leicht nach links geneigt. Es blickt zum Jungen hin, der als Rückenfigur wiedergegeben ist. Er hält ein weißes Blatt Papier erhoben, ein grüner Stift ist in seiner linken Hand erkennbar; sein Kopf ist nach links gedreht, so dass sein Profil sichtbar wird. Wahrscheinlich möchte er seiner Schwester gleich etwas auf diesem Blatt Papier zeichnen. Neben ihm sitzt ein selbst gemachtes Stofftier, wahrscheinlich ein Hase, der jeder Zeit zur Seiten zu kippen droht.

Dieses sehr intime und liebevolle Doppelporträt seiner beiden Kinder weist eine begrenzte Farbskala von Blau, Rot und Braun auf. Sensibel fängt Griebel den Mikrokosmos kindlicher Welt ein. Aber das Bild ist weit mehr als ein Kinderporträt. Besonders die Kritzeleien, die Zeichnungen der Kinder, sind bei der Entschlüsselung des Werkes aufschlussreich.

Bildende Künstler wie beispielsweise Klee, Miró, Kandinsky, Picasso oder Dubuffet haben sich immer wieder mit dem Phänomen kindlichen Gestaltens auseinandergesetzt und Elemente kindlicher Darstellung in ihren Werken übernommen. Sie waren fasziniert von der Unmittelbarkeit, der unverfrorenen Farbgebung und der Unbekümmertheit, mit denen das Kind seine Gegenstände kombiniert. Zu betonen ist hier jedoch, dass es dem Kind im Gegensatz zum Künstler nicht darauf ankommt, Neues zu schöpfen. Die Formen des Kindes sind vielmehr aus seiner inneren Notwendigkeit, aus ontogenetischen Wachstums- und Reifebedingungen herzuleiten.

Bildausschnitt

Fritz Griebel imitierte in gewissem Maße Kinderkritzeleien in seinem Bild. Er zeigt uns verschiedene Formen, die alle mit einer roten Linie gezogen sind: Eine geometrische Figur, ein Dreieck, das aus vielen kleinen Dreiecken zusammengesetzt ist, zwei Vögel, ein lachendes Gesicht, ein Haus und ein Tier. Manche Figuren akzentuierte Griebel mit einem weißem Fleck, wie zum Beispiel einen etwas unförmigen Kreis mit dem Dreieck. Auffällig sind zudem die teilweise bunten Pünktchen in den Figuren, die bei Kindern im Alter zwischen vier und fünf Jahren als dekorative Elemente eingesetzt werden.

Das Kritzeln mit Stiften auf einer Unterlage ist die erste schöpferische Handlung und Hinterlassenschaft des Kindes – seine erste bleibende Spur. Fritz Griebel schuf mit diesem Bild ein Symbol für die Entstehung der Kunst aus dem Prozess eines spontanen, kreativen Ausdruckswillens. Spontan meint eine gewisse Unvoreingenommenheit gegenüber dem eigenen Tun, auch eine offene Einstellung gegenüber dem sich entwickelnden Bild, dem Verzicht einer Konzeptualisierung. Kreativ bedeutet sowohl etwas zeugen als auch etwas gebären. Das eine beschreibt eine Bewegung nach innen, das andere eine Bewegung nach außen. Ein kreativer Mensch zeugt und bringt demnach etwas zur Welt, d.h. er inspiriert psychisches Wachstum, das wiederum zum schöpferischen Ausdruck führt. Kreativität hat mit Leben, mit Bewegung, mit Umwandlung zu tun. Der Prozess des Sich-Ausdrückens lässt sich am ehesten mit dem kindlichen Spiel vergleichen. Denn so, wie das spielende Kind tiefernst in seiner psychischen Wirklichkeit versunken ist, bewegt sich der Künstler in seinen Fantasien und Projektionen, für die die Leinwand oder welches Material auch immer uneingeschränkten Raum bietet. Man könnte überspitzt von einem narzistischen Rückzug mit autitsischen Zügen sprechen, der jedem Künstler in jeweiliger Ausprägung eigen ist.

Die Kinderzeichnungen in diesem Doppelbildnis können als Hinweis auf die Entstehung der Malerei bzw. jeglicher Kunst gelesen werden. In der „Naturgeschichte“ des römischen Gelehrten Plinius des Älteren aus dem 1. Jh. n. Chr. sollen aus der Umrisszeichnung alle späteren Bildkünste entstanden sein. Die Zeichnung ist Null- und Anfangspunkt jeglicher Kunsterziehung. Die Graffitis in diesem Bild stehen für eine Projektion künstlerischer Entwurfskraft und Fantasie. Berühmt ist die Empfehlung da Vincis, Flecken auf der Wand als Meditationsfläche für die künstlerische Entwurfskraft nutzbar zu machen.

Giovanni Francesco Caroto: Knabe mit einer Zeichnung (1. Hälfte 16. Jh.)

Das wohl älteste Kinderporträt, welches nicht mehr im Dienst aristokratischer Repräsentation steht, ist das dem Veroneser Maler Giovan Francesco Caroto zugeschriebene Bild „Knabe mit Kinderzeichnung“ aus dem 16. Jahrhundert. Neusten Forschungen zufolge ist Carotos Bild nicht als Zeugnis kindlicher Erfahrungs- und Verhaltensweisen zu deuten, sondern als praktische Kunstkritik, die Stil und Mittel der Hochkunst parodistisch in Frage stellt.

Griebels Kinderporträt mit Zeichnungen steht jedoch im Diskurs einer Theorie der Kunst schlechthin. Dieser offensichtliche theoretische Ansatz ist in Griebels Kunst singulär. Aber nicht nur das. Einzigartig ist auch das Thema in der deutschen Nachkriegskunst, dominierten doch Ruinenbilder für kurze Zeit oder semi-abstrakte und semi-surrealistische Bilder. Man kann nur spekulieren, was Fritz Griebel zu diesem Bildthema veranlasste. Vielleicht war es das Wiederanknüpfen an künstlerische Werte wie Einbildungskraft, die Suche nach dem Ursprünglichen, der Unmittelbarkeit, der Klarheit und Authentizität, die während der doktrinären Naziherrschaft als entartet galten. Feststeht, dass Griebel mit diesem Bildnis einen Augenblick kindlichen Tuns äußerst sensibel einfing.