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Idole I

Entstehungsjahr: um 1955
Technik: Scherenschnitt
Maße: 38,5 x 25 cm

In den 1950er und 1960er Jahren beleben Darstellungen von Idolen und Totems die Bildwelt Fritz Griebels im Scherenschnitt-Werk (vgl. Werk des Monats September 2008). In dem Schnittbild „Idole I“ um 1955, bei dem einfache Umrisslinien die Schnittformen konstituieren und akzentuierte Binnenschnitte die Homogenität des Papiers auflockern, vermischte er Darstellungen aus der ägyptischen Mythologie bzw. aus der Kleinkunst Ägyptens und der Geometrischen Zeit (900-700 v. Chr.) Griechenlands.

Uschebti der nubischen Königin Pianchher, Britisches Museum, London

Eine thronende weibliche Figur als Halbakt (eine Gottheit?) hält in ihren vom Körper abgewinkelten Armen rechts ein Idol (Götzenbildnis); ebenfalls rechts neben ihrem Gewand ist vermutlich ein Ushebti dargestellt, eine Statuette, welche den Verstorbenen in Ägypten seit dem Mittleren Reich (2010-1793 v. Chr.) als Mumie symbolisierte.

Zu ihrer linken Seite steht eine weibliche Figur mit einem stilisierten Stierkopf. Da in der ägyptischen Mythologie jedoch keine weiblichen Gottheiten mit einem Stierkopf vorkommen, steht diese Figur stellvertretend für die unerschöpfliche Formneubildung Griebelscher Kunstsprache.

Von Bedeutung ist auch die horizontal liegende weibliche Figur, auf der die Komposition aufgebaut ist. Sie definiert die Bildbreite. Als Kompositionselement kommt diese Form oft im Schnittwerk Griebels vor, wie z. B. als abstrahiertes Element in dem Schnittbild „Strenge frühe Formen“ (um 1960, s. Abb. unten links). Ikonografisch geht dieses Motiv der liegenden Figur auf Bemalungen von Tongefäßen aus der Geometrischen Zeit (900-700) Athens zurück. In diesem Kontext taucht das Motiv als Totenklage (Prothesis) auf, bei der die liegende Figur den Verstorbenen darstellte (s. Detail in der Abb. unten rechts).

Strenge frühe Formen, auf grün getupften Papier, um 1960, 40,5 x 27,5 cm.
Attischer Grabkrater mit Totenklage, Höhe 1,21 Meter, 8 Jh. v. Chr. (New York, aus: Ingeborg Scheibler, Griechische Töpferkunst, München 1995).
Antike Szene, Aquarell mit Kreide, 1954.

In einer erzählerisch detaillierteren Form existiert das Motiv des Schnittbildes „Idole I“ auch als Aquarell (s. Abb. links), das durch seine Rottöne besticht. Das Motiv des Schnittbildes bildet nun das Zentrum des Aquarells. Links und rechts von ihm gruppierte Fritz Griebel einen großen Krug – häufiges Motiv in seinem gesamten Werk –,ein Musikinstrument, Figuren und Pferde. Im Gegensatz zum Schnittbild wird hier der sitzenden weiblichen Figur von rechts ein Ushebti gereicht. Man hat den Eindruck, man wohne einer Zeremonie bei.

Aquarell und Schnittbild sind als autonome Werke zu begreifen, sie sind keine Vorstudien für das jeweils andere. Vielmehr sind diese Werke als Beleg für Griebels „imaginäres Museum“ (André Malraux) anzusehen. Es konstituierte sich aus zahlreichen Museumsbesuchen Italiens und anderswo und aus einschlägiger Literatur. Assoziativ setze Griebel seine Formerinnerungen ein und schuf auf diese Weise eine neue Kunstsprache.