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Die Spielzeugkiste

Enstehungsjahr: 1930er Jahre
Material: Öl/Leinwand
Maße: 130 x 75 cm

Wer hat den Deckel von der Kiste genommen, so dass die Puppen und Figürchen nun nach Draußen strömen können? – Hat sich das Spielzeug gar selbst befreit aus der dunklen Kiste?

Auf der gesamten vertikalen Bildfläche ist antikes Spielzeug und Kleinplastik verstreut. Schwerelos schweben die Dinge aus der Holzkiste: Eine angezogene Gliederpuppe vor dem Deckel, eine Figur hinter ihm, stilisierte Krüge und Apfelsinen oder Äpfel; über diesen Dingen schwebt eine männliche Gliederpuppe mit einem Röckchen, einen Stock in der Hand haltend und hütet das Federvieh. Es scheint, als ob es sich auf einen kleinen Teich befände, ließ doch Fritz Griebel gerade an dieser Stelle den wolkenverhangenen Himmel aufreißen.

Pferd mit Reiter, böotisch, spätes 6. Jh. v. Chr.
Aus: Elisabeth Rohde, Griechische Terrakotten, Leipzig 1970, Abb. 11.

In der Kiste, die perspektivisch leicht verzerrt dargestellt ist, befinden sich noch allerlei Kleinplastiken und ein Stier, der jeden Moment aus der Kiste springen wird. Das Hinterteil des Tieres deutete Griebel nur an, er malte sogar die Umrisslinie in die Statuette hinein, so dass der Eindruck von Bewegung noch gesteigert wird. Eine archaisch anmutende Reiterfigur und eine männliche Gliederpuppe stehen vor der Kiste. Die Reiterfigur ist allerdings kein traditionell antikes Spielzeug, sondern eine Weihegeschenk, welches Fritz Griebel neben den Statuetten und dem Stier zweckentfremdete.

Fritz Griebel teilte die Bildfläche in klar strukturierte Segmente ein, verzichtete auch auf Anwendung der Luft- und Farbperspektive, bei der Farb- und Helligkeitskontraste in der Ferne abnehmen. Stattdessen führt er uns eine deutlich markierte Wiese und Himmel vor. Er betont die Zweidimensionalität der Fläche, indem fast monochrom gemalte Farbsegmente auf ihr angeordnet sind. Die Beschränkung auf wenige Farben sowie die Leere des Raumes betonen die Surrealität der Szene. Die Dinge wirken entrückt, ihrem gewohnten Kontext entfernt.

Gliederpuppe (Musée d' Art, Genf)

Nahezu in der Bildmitte schwebt horizontal eine Gliederpuppe in einem blaugrünen Kleid. Ihr Schlagschatten hebt sich betont vom Deckel der Kiste ab. Die Füße der Puppe werden vom Bildrand beschnitten. Ein Stilmittel, das Bewegung suggeriert und Griebel in diesem Bild verstärkt anwendete, wie bei den männlichen Gliederpuppen in der unteren und oberen Bildzone, beim Pferd sowie beim Stier, bei denen Griebel jeweils die Gliedmaßen beschnitt.

Die Puppe blickt uns direkt an, suggeriert Lebendigkeit. In der griechischen Antike waren für das Wort „Puppe“ unter anderem auch die Begriffe „Kore“ oder „Nymphe“ gängig. Beide meinen junge Mädchen in der Blüte ihrer Jugend, Nymphe wird hingegen auch die Braut genannt bzw. ein Mädchen, welches das Alter zur Verheiratung erreicht hat. Während Puppen heute überwiegend aus Plastik, bestenfalls aus Porzellan bestehen, wurde in der Antike dieses Spielzeug aus Holz, Ton, Gips, Elfenbein, Marmor, Alabaster, Leder oder Stoff gefertigt. In der Klassik reichte die Bandbreite von Puppen mit beweglichen Gliedern, Sitzpuppen mit oder ohne Thron bis hin zu Puppen, die Gliedmaßen nur in Ansätzen besaßen und die möglicherweise als Anziehpuppen Verwendung fanden. Gesichtszüge und Frisur der gemalten Puppe haben große Ähnlichkeit mit der hier gezeigten antiken Gliederpuppe.

Das Motiv des antiken Spielzeugs verwendete Griebel auch gern im Scherenschnitt, besonders antike Gliederpuppen oder Reiterfiguren tauchen immer wieder auf. Erzeugnisse der antiken Welt dienen allgemein als Referenzenpunkt seiner Kunstsprache.

Gliederpuppe, Schwarzschnitt auf graublau getupftem Papier, zwischen 1950 und 1960
Männer mit Pferd, Schwarzschnitt auf graublau bemaltem Papier, zwischen 1950 und 1960

Die konkreten, soliden Erscheinungsformen der Dinge und ihre Fähigkeit zur Erweckung kultureller und mythografischer Vorstellungen, die suggestive Eindringlichkeit von Geschichte, Vergangenheit, Tradition und Legende wird in diesem Werk berührt. – Kurz: Was steht hinter den Dingen?

Die Präsenz der Dinge, die Hoheit der Stille, der Einsatz von Schlagschatten sowie der Verzicht auf die Luftperspektive rückt dieses Bild in die Nähe der italienischen Kunstströmung der „Pittura metafisica“ (ca. 1910 bis Mitte 1920er Jahre), der metaphysischen Malerei, die nach dem über der Sinnenwelt hinaus liegendem Geistigen, dem Transzendenten fragte. Dieser Aspekt wurde in der Kunst Fritz Griebels bisher nicht reflektiert, obwohl er 1933 in Mailand Werke der Vertreter der Metaphysischen Malerei, Carlo Carrà (1881-1966) und Mario Sironi (1885-1961), sah und sie in seinem Tagebuch lobend erwähnte.

Erzeugten die Werke der Vertreter der „Pittura metafisica“, hier ist speziell Giorgio de Chirico (1880-1978) zu nennen, mittels ,springender‘ Perspektive mit verkürzten Fluchtlinien Irrealität und eine bedrohliche Atmosphäre in den Bildern, in denen der Mensch abwesend ist und Dinge des Alltäglichen, wie Gummihandschuhe, Schneiderpuppen oder antike Skulpturen in die Leere des Raumes gestellt werden. So ist bei Fritz Griebel zwar ebenfalls eine traumhafte zweite Wirklichkeit zu beobachten, doch ist diese bestimmt von einer für Griebel typischen heiteren Stimmung, einer geradezu ursprünglich-kindlichen Fantasie. Während Chirico die Verfremdung des Vertrauten, die Propagierung des Nichtsinns in seiner Kunst anstrebte, verfolgte Griebel die Poetisierung des Alltäglichen im Gestern für ein freudvolles Heute.