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Erinnerungen Edwin Michels an seine Studienzeit bei Prof. Fritz Griebel

Die Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg im und nach dem Zweiten Weltkrieg im Deutschordensschloss in Ellingen

Nürnberg im Zweiten Weltkrieg
„Um 18.33 Uhr heulten die Sirenen Voll-Alarm ...! Die Ordnung löste sich auf, es herrschte Panik: ,Alles rennet, rettet, flüchtet ...!‘ Männer, Frauen, Kinder, Greise, Soldaten aller Rangstufen, uniformierte Parteifunktionäre und auch Fremdarbeiter stapften, stürzten, stolperten und rasten, schimpfend und fluchend und von Angst und Furcht gepeitscht durch die Straßen, um die unterirdischen Keller- und Bunkergewölbe zu erreichen. Vor den Bunkern stauten sich die Massen. Hier gab es auch keine menschliche Rücksichtnahme mehr. Niemand dachte daran, hilfsbedürftigen Kranken und alten Leuten oder Kindern beizustehen. Jeder war sich selbst der nächste in diesen entsetzlichen Schreckminuten, in denen es um das eigene Leben ging.“

Die zerstörte Nürnberger Altstadt, 1945.

Der Journalist Fritz Nadler beschreibt hier den Luftangriff der Alliierten auf Nürnberg am 2. Januar 1945. 521 Langstreckenbomber flogen über Nürnberg und warfen innerhalb einer Stunde 6000 Spreng- und eine Million Brandbomben ab. Rauch, Ruß und Qualm vernebelten den Blick. An die 2000 Menschen starben und etwa 100.000 Menschen wurden obdachlos. Die Nürnberger Altstadt wurde bei diesem Angriff zerstört, die Stadt als Ganzes schwer beschädigt.

Nürnberg gehört neben Dresden zu der am stärksten zerstörten deutschen Stadt im Zweiten Weltkrieg. Die Eroberung Nürnbergs am 20. April 1945 wird in amerikanischen Truppengeschichten als „The Battle of Nuremberg“ bezeichnet und gilt als wichtiger Sieg, denn Nürnberg als „Stadt der Reichsparteitage“ galt als Ausgangspunkt der Judenverfolgung. Auf Grund seiner südlichen Lage in Deutschland geriet die Stadt relativ spät in den Aktionsradius der Alliierten.

Die Akademie der Bildenden Künste in Schloss Ellingen während des Krieges
1662 von Jacob von Sandrart (1630-1708) nach italienischem Vorbild gegründet, zählt die Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg zu den ältesten Kunstschulen im deutschsprachigen Raum. Wesentliche Impulse erhielt die Akademie von ihrem Leiter, dem Maler und Kunsthistoriker Joachim von Sandrart (1608-1688) in den 70er Jahren des 17. Jahrhunderts. Zentrale Lehrbereiche bilden die freien und angewandten Künste, wobei im Lauf der Jahrhunderte die Gewichtung wechselte: 1833 degradierte König Ludwig I. von Bayern (1786-1868) die Akademie zur Kunstgewerbeschule, um München als Kunststadt zu fördern. 1940 wurde die „Staatsschule für angewandte Kunst“ wieder zur Akademie erhoben.

Fritz Griebel: Ansicht von Kirche und Schloss in Ellingen, 1957, Aquarell, 44,5 x 54 cm.

Bereits 1943 wurde das sich in der Flaschenhofstraße befindliche Akademiegebäude beim zweiten Fliegeralarm schwer beschädigt. Man suchte nach einem Ort, an dem der Lehrbetrieb weitergeführt werden konnte und fand ihn schließlich im Deutschordensschloss in Ellingen bei Weißenburg. Fritz Griebel, seit 1948 Direktor an der Akademie, schrieb 1957 ins Goldene Buch der Akademie: „Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner hatte die Plünderung des Schlosses und damit auch die Plünderung und Verwüstung des Akademieeigentums begonnen. Dieser Zustand erstreckte sich fast über ein Jahr. Zweimal war auch amerikanische Besatzung im Schloss. Zum Frühjahr 1946 konnte der Unterricht mit primitivsten Mitteln wieder beginnen.“

Diese sachliche Schilderung Fritz Griebels kann nur ein ungefähres Bild von den Mühen und Entbehrungen vermitteln, mit welchen die sechs Lehrer und 15 Studierende im letzten Kriegssemester, dem Wintersemester 1944/45, zu kämpfen hatten. So wurde im Herbst 1944 im Schloss ein großes Textil- und Lebensmittellager errichtet. Kurz vor Kriegsende stürmte die Bevölkerung, die aus dem weiten Umkreis nach Ellingen kam, diese Lager und verschonte auch nicht die Akademieräume. Widerstand war zwecklos. Am 23. April 1945 wurde das Schloss bis Dezember von amerikanischen Truppen besetzt. Bewohner, Lehrer, Hausmeister und Verwalter mussten es verlassen, die Akademie schloss ihren Lehrbetrieb.

 

Neuanfang
Die amerikanische Militärregierung genehmigte die Wiedereröffnung der Akademie am 26. Januar 1946. Die Schlossräume befanden sich in einem desolaten Zustand; Einrichtungsgegenstände der Lehrsäle, Ateliers und Werkstätten waren zum größten Teil nicht mehr vorhanden oder schwer beschädigt. Im März wurde das Schloss unerwartet nochmals von Soldaten besetzt. Es gelang zwar, die Besetzung nach wenigen Tagen aufzuheben, doch war der entstandene Schaden immens.

Trotz allem wurde im April die Wiedereröffnung der Akademie bekannt gegeben. Die Einschreibung erfolgte am 6. Mai. 73 Studenten kamen durch die Aufnahmeprüfungen. Oberstes Ziel war es, neue Lehrer zu gewinnen. So wurde z.B. am 1. Juli 1946 Fritz Griebel als Lehrer für Landschaftsmalerei und freie Grafik angestellt.

Unter großen Schwierigkeiten wurde der Lehrbetrieb wieder aufgenommen. Das Inventar, wie Staffeleien, Tische oder Schränke, fehlte und zu kaufen gab es kaum etwas. Neben dem Fehlen am Materiellem kamen noch die kaum verarbeiteten Eindrücke des Krieges hinzu. Besonders Fritz Griebel und Hermann Wilhelm versuchten durch abendliche Gespräche und Vorträge über bildende Kunst im Wintersemester 1946/47 die Studierenden in ihren künstlerischen Bestrebungen anzuregen.

So äußerte Fritz Griebel im November 1947: „Wir sehen es deshalb nicht nur als wichtig, sondern als eine unserer dringendsten Pflichten an, geistiges und schöpferisches Leben an allen Orten zu pflegen, wo es nur irgend möglich ist. Auf dem Gebiet der bildenden Kunst ist alle Tradition erschüttert oder gar verpönt; und es ist deshalb gerade für die Jugend besonders schwer, einen Weg aus der allgemeinen Verwirrungen zu finden. [...] Als Endziel darüber hinausgehend schweben uns die Erziehung zum ganzen Menschen, zur Humanität vor.“ (BayHSta, Mk 51448)

Ein großes Problem war zudem im Wintersemester das Beheizen der Räume. Kohlen und Holz waren Mangelware für die ohnehin wenigen beheizbaren Öfen. Der Lehrbetrieb musste von Dezember bis Anfang März eingestellt werden. Auch die Versorgung der in bescheidenen, vielfach unbeheizten Privatzimmern in Ellingen untergebrachten Studenten mit Nahrungsmitteln gestaltete sich schwierig. Die Auswirkungen des Hungerjahrs 1946/47 bewirkten, dass im Frühjahr 1948 einige Studenten in Erholungsheimen untergebracht werden mussten. Zu Beginn des Sommersemesters fuhren an die 30 Studenten nach Pleinfeld, um dort besseres Essen zu bekommen, da das einzige Restaurant in Ellingen sich nicht besonders Mühe gab mit der leiblichen Versorgung.

So wundert es nicht, wenn Fritz Griebels erste Amtshandlung als Direktor der Akademie seit 1. Juni 1948 darin bestand, zusammen mit Mitgliedern des AStA eine Mensa zu gründen. Die Mensa bildete die Grundlage für die Ausbildung der Studenten, denn mit dem Aufkommen der Währungsreform am 21. Juni hörte die Verdienstmöglichkeiten für Studenten auf, die Preise für Lebensmittel konnten sie kaum bezahlen – und mit knurrendem Magen lässt sich an Kunst schon gar nicht denken.

Fritz Griebel (links) mit Edwin Michel (rechts im Vordergrund) um 1950 in Ellingen.

Lehrbetrieb
Die Studentengeneration der Nachkriegszeit war bedingt durch den Krieg überaltert. Viele hatten Kriegsdienst geleistet, kamen aus Lazaretten, wurden heimatlos und mussten sich ohne Lehrmittel, mit schlechtem Arbeitsmaterial, Kälte und Hunger auseinandersetzen.

Edwin Michel z.B. nahm zunächst dreieinhalb Jahre am Krieg teil, bevor er für ein Jahr nach Nantes als Flugzeugmaler versetzt wurde. Er hatte das Malerhandwerk erlernt und übertrug die Hoheitszeichen und Zahlen auf die Flugzeuge, wie er sie auch für Tag- und Nachteinsätze umspritzen musste. An manchen Tagen musste er 20 Stunden durcharbeiten; an ruhigeren Tagen schaute er sich die französischen Kathedralen an, die Museen waren längst geschlossen.

Nach dem Krieg kehrte er in seine Heimat zurück. Seine Familie war, wie viele andere auch, ausgebombt. Er half beim Aufbau des Hauses seiner Eltern, renovierte aber auch Kirchen. Von einem aus Berlin kommenden Maler hörte er, das die Akademie in Ellingen ihren Lehrbetrieb wieder aufgenommen hätte. Und so absolvierte Edwin Michel 1949, mit 26 Jahren, die Aufnahmeprüfung erfolgreich. Er belegte dort u.a. Kurse in Aktzeichen bei Otto Michael Schmitt und Landschaftsmalerei bei Fritz Griebel.

„Ellingen war für mich wie eine große Familie, wir waren ja auch nur 75 Kunststudenten. Jeder kannte jeden. Es gab sogar Weihnachtsfeiern. An der Berliner Akademie, die ich seit 1954 besuchte, gab es so etwas nicht mehr“, erinnert sich Edwin Michel.

Die Griebel-Klasse unternahm auch diverse Exkursionen, wie z.B. nach Paris. Auch Ausstellungen in München besuchte die Klasse oder Kirchen. So lernten die jungen Leute viel über frühere Kunstepochen. „Später konnte ich kaum an einer fremden Kirche vorbeifahren“, resümiert Edwin Michel.

„Fritz Griebel lehrte uns Studenten die Augen zu öffnen für die Schönheit der Natur“, erinnert er sich weiter, „wir sollten nach der Natur, aber niemals naturalistisch malen. Es ging ihm vielmehr um das Abstrahieren einer Sache. Ich lernte bei ihm, meinen eigenen Stil, meine persönliche Weltsicht zu entwickeln.“

Oft ging Fritz Griebel mit seiner Klasse in die Landschaft. „Einmal ging die Klasse ohne ihn in den Wald in Begleitung eines Aktmodels. Als wir ihm später davon berichteten, war er ganz begeistert. Aber nach Rücksprache mit seiner Frau, teilte er uns mit, diese Unternehmung nicht zu wiederholen. – Nicht auszudenken, wenn das außerhalb der Akademie jemand erführe!“

Er hat Fritz Griebel als einen Lehrer in Erinnerung, der Freude am Lehren hatte: „Er war immer für seine Studenten da. Er kam oft in die Klasse, führte lange Diskussionen, besprach jede Arbeit. Es war ihm auch wichtig, Allgemeinbildung zu vermitteln. Für mich, der ich kein Abitur habe, war es interessant zuzuhören, wenn Griebel die Klassiker zitierte. Aber nicht nur das Fachliche bedeute ihm viel, auch das Menschliche.“

1954 verließ Edwin Michel die Akademie in Ellingen und besuchte die Hochschule der Künste in Berlin. Die Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg indes bezog auf Betreiben Fritz Griebels ihr neues Gebäude im Waldgebiet am Nürnberger Tiergarten, wo sie noch heute ihren Sitz hat.

Antje Buchwald

 

Literatur
Diefenbacher, Micheal und Rudolf Enders (Hg.): Stadtlexikon Nürnberg. 2. verb. Aufl. Nürnberg 2000.

Kunze, Karl: Kriegsende in Franken und der Kampf um Nürnberg im April 1945 (= Nürnberger Forschungen 28). Nürnberg 1995.

Nadler, Fritz: Ich sah, wie Nürnberg unterging. Nürnberg 1995, S. 16.

Tätigkeitsbericht von 1945 bis Juni 1948 (Archiv der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg).

Tätigkeitsbericht von Juni 1948 bis Ostern 1952 (Archiv der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg).

Schwemmer, Wilhelm: Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, hrsg. von der Gesellschaft der Freunde der Akademie der Bildenden Künste. Nürnberg 1983.